Umleitung

Mein Glück (Schastye moe, Deutschland/Ukraine/Niederlande 2010, Sergei Loznitsa)

Jeder Weg führt in den Tod. Bedächtig betrachtet der Mann den Grabstein auf dem alten Friedhof, zu dem der Blick ihn verfolgt. Doch er ist ein Niemand, einer der zahllosen Bewohner des gespenstischen Niemandslandes, in das Georgi in Sergei Loznistas „Mein Glück“ gerät. Nach elf Reportagen fantasiert der ukrainische Regisseur und Drehbuchautor ein pessimistisches Road Movie, hinter dessen grausam-bizarrer Realität sich ein surrealer Abgrund öffnet. Georgi (Viktor Nemets) ist der Weg verbaut. Die Landstraße, von der eine Wegposten den Lastwagenfahrer abbringt und der Weg, den sein Leben nehmen sollte. Der Rat einer jugendlichen Hure (Olga Shuvalova) führt ihn in ein entlegenes Dorf im ukrainischen Hinterland.

Hier dreht sich seine Suche nach der richtigen Straße im Kreis. Einem kafkaesken Schauermärchen entsprungen scheint der morbide Ort, an dem Verrohung und Gewalt hausen. Schleichend enthüllt sich die Ausweglosigkeit von Georgis Lage in „Mein Glück“. Loznistas Spielfilmdebüt ist so unzugänglich wie das osteuropäische Hinterland. Gegen jeden Eindringling sträubt sich das bizarre Alptraum-Reich, doch wer einmal in es hinein gerät, den lässt es nicht mehr ziehen. Kein lichter Moment erhellt den trüben Himmel. Georgi selbst hat den Glauben an die Zukunft längst aufgegeben. Jeder Weg führt in den Tod.

Georgis Pessimismus steht sinnbildlich für den der einer gesamten Bevölkerungsschicht. Den Zuschauer bedrängen die toten Seelen ebenso wie den Protagonisten, der nur durch die Handlung zu treiben scheint, um Einblicke in dieses Leben der anderen zu gewähren. Georgis Wesen bleibt so ungreifbar wie die Handlung und jene emotionale Distanz kann „Mein Glück“ trotz seiner beklemmenden Szenen nicht überbrücken. Bewusst zeichnet Loznitsa seinen Hauptcharakter vage. Georgi ist weniger Persönlichkeit als Symbolfigur für ein kollektives Empfinden, ein Somnambuler, der durch ein schemenhaftes Verfallsszenario streift.

Es ist nur ein weiteres Teil in Loznistas düsterem Filmpuzzle, welches der Geist des amerikanischen Road Movies in der post-sovietischen Ukraine durchweht. Wanderer, die entlang der maroden Landstraßen gehen, gehören hier zum Straßenbild. Die verlebten Erscheinungen, ihre verhärmten Gesichter verweilen gleich Gespenstern in den Bildern. Die Geschichte dieser Gesichter erzählt die filmische Reise in „Mein Glück“.

Mein Glück
(Schastye moe, Deutschland, Ukraine, Niederlande 2010)
Regie & Buch: Sergei Loznitsa; Kamera: Oleg Mutu; Ton: Vladimir Golovnitski; Schnitt: Danielieus Kokanauskis
Darsteller: Viktor Nemetes, Vladimir Golovin, Alexei Vertkov, Dimitriy Gotsdiner, Olga Shuvalova u. a.
Länge: 127 Minuten
Verleih: Farbfilm Verleih
Kinostart: 3. Februar 2011

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