Die Politik der Zärtlichkeit

Valerie – Eine Woche voller Wunder (Valerie a týden divu, Tschechoslowakei 1970, Jaromil Jires)

Die „Jugend von heute“ stellt schon längst keinen Grund zur Aufregung mehr dar. Glaubt man den Berichten der Soziologen, dann träumt die Mehrzahl junger Abiturienten heute nicht mehr davon, sich aufzulehnen, etwas Verrücktes zu tun, die Welt zu bereisen oder gar zu verändern, mit möglichst vielen Menschen Sex zu haben oder Drogen zu nehmen. Stattdessen will sie eine „anständige“ Ausbildung absolvieren, studieren, Karriere machen und eine Familie gründen. Was würde sie wohl zu Jaromil Jires‘ „Valerie – Eine Woche voller Wunder“ , einem Loblied auf  Jugend, freie Liebe, geistige Ausschweifung und Auflehnung gegen Autoritäten sagen?

Valerie (Jaroslava Schallerová) ist ein hübsches 13-jähriges Mädchen, die nach dem Verschwinden der Eltern bei ihrer Großmutter (Helena Anýzová) lebt. Valerie erlebt ihre erste Menstruation und nimmt die Welt unter dem Einfluss dieser Erfahrung mit neuen Augen wahr. Ihre erste Liebe Orlik (Petr Kopriva) entpuppt sich als ihr verschollener Bruder, ihr Vater taucht als vampirhafter Iltismann in ihrem Heimatdorf auf, um ihre Großmutter in seinen Bann zu schlagen und ihr die ewige Jugend zu versprechen. Sie entrinnt mehrfach knapp dem Tod, wird vom lüsternen Priester Gracián (Jan Klusák) fast vergewaltigt, nur um am Ende alle in einem dionysischen Fest in Liebe vereint zu sehen.

„Valerie – Eine Woche voller Wunder“ gilt manchen als Schlüsselfilm des Neuen Tschechischen Kinos, anderen als dessen Endpunkt. Er adaptiert einen Roman von Vitezslav Nezval und speist sich aus der Schauerromantik, dem erotischen Roman, den wilden Fantasien schreiend bunter Groschenhefte ebenso wie aus den Schöpfungen des deutschen Expressionismus und des Horrorfilms und verquirlt diese Einflüsse zu einem doch höchst originären, die Sinne berauschenden Werk, das sich einer Vereinnahmung durch schnöde Logik sanft, aber bestimmt versperrt. Als am anspruchsvollen modernen Horrorfilm interessierter Zuschauer erkennt man einige seiner Bilder wieder, kann das zunächst rätselhafte Geschehen einordnen. Der verwirrte Blick des jungen Mädchens, die das Treiben der Erwachsenen um sie herum mit den Werkzeugen ihrer Fantasie interpretiert, verschwistert sich mit dem Blick des Zuschauers, der mithilfe des Rückgriffs auf Filme wie Neil Jordans „Die Zeit der Wölfe“, Philip Ridleys „Schrei in der Stille“ oder vielleicht auch Walerian Borowczyks „La béte“ versucht, die zunächst hermetischen Bilder zu entschlüsseln.

So fremdartig „Valerie – Eine Woche voller Wunder“ auch erscheinen mag, so merkwürdig vertraut ist er auch. Aber diese Vertrautheit geht über bloßes Verstehen hinaus. Was an ihm verzaubert, dass ist neben der prachtvollen Fotografie Jan Curiks und dem verspielten Score von Lubos Fiser nicht zuletzt die tschechische Sprache: Wie die Dialogzeilen dieser melodischen, fragilen Sprache von den Schauspielern mit größter Behutsamkeit und Zärtlichkeit vorgetragen werden, weil sie sonst zerbrechen könnten, lässt einen als Zuschauer förmlich die Luft anhalten, weil man dieses Bemühen nicht durchkreuzen möchte. Und diese respektvolle Haltung wirkt sich durchaus auf die gesamte Rezeption aus: „Valerie – Eine Woche voller Wunder“ ist kein Film, dem man mit den akademischen Mitteln der Analyse auf den Leib rücken, den man kraft seiner Verstandeswerkzeuge sezieren will, um ihm sein Geheimnis zu entreißen. Es ist ein Film, der sich einschmeichelt, von dem man sich betören und verführen lassen, den man erfühlen und erspüren will. Er erfordert die Hin- und Aufgabe des Zuschauers, anstatt sich umgekehrt ihm hinzugeben. Er will Erstaunen und Zweifel statt Erkennen und Wissen.

„Valerie – Eine Woche voller Wunder“ erzählt vom Triumph der Liebe über den Verstand, der Fantasie über die Vernunft, der Jugend über den Tod, des Rauschs über die Form, der Freiheit über den Zwang und des Menschen über die Ordnung. Der Pfaffe ist ein Gefangener des Gesetzes, dem er folgt, weil er sich vor der Freiheit fürchtet, für die Valerie, die ihren Bruder und mit ihm alle Menschen liebt, steht. Man könnte mit einigem Recht sagen, dass „Valerie – Eine Woche voller Wunder“ einer der schönsten Filme ist, je gedreht wurden. Ganz sicher aber ist er das wohl zärtlichste politische Manifest, das je verfasst wurde.

Valerie – Eine Woche voller Wunder
(Valerie a týden divu, Tschechoslowakei 1970)
Regie: Jaromil Jires; Drehbuch: Jaromil Jires, Ester Krumbachová; Musik: Lubos Fiser; Jan Klusák; Kamera: Jan Curik; Schnitt: Josef Valusiak
Darsteller: Jaroslava Schallerová, Helena Anýzová, Petr Kopriva, Jirí Prýmek, Jan Klusák
Länge:
Verleih: Bildstörung

Zur DVD von Bildstörung

Wie schon die letzten DVDs des deutschen Labels Bildstörung stellt auch „Valerie – Eine Woche voller Wunder“ einen absoluten Pflichtkauf für jeden Filmliebhaber oder aufgeschlossenen Filmseher dar und darüber hinaus ein leuchtendes Vorbild für Verleiher, die wissen wollen, wie eine DVD-Veröffentlichung auszusehen hat. Von der prächtigen Covergestaltung über die ausgezeichnete Textauswahl des umfangreichen Booklets bis hin zur technischen Umsetzung der DVD selbst bleiben keine Wünsche offen, merkt man, dass hier nicht in erster Linie Kaufwilligen mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel Geld aus der Tasche gezogen werden soll, sondern Filmfreunde anderen Filmfreunden aufregende Filme in der bestmöglichen Form präsentiert werden sollen. Das sollte man mit dem Kauf von „Valerie – Eine Woche voller Wunder“ honorieren, auf dass Bildstörung uns noch lange mit ihren Entdeckungen beglücken werden. Zumal der Erstauflage der DVD der Originalsoundtrack von Lubos Fiser beiliegt.

Zur technischen Ausstattung der DVD:

Bild: 1,33:1
Ton: Tschechisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: Deutsch
Extras: Audiokommentar von Peter Hames und Daniel Bird, Optionale Tonspur mit der Filmmusik von The Valerie Project, Dokumentation „Waking Valerie“ über die Entstehung des Films, Interviews, Musikclip, 64-seitiges Booklet, Bonus-CD mit Originalsoundtrack von Lubos Fiser
Freigabe: FSK 16
Preis: 16,99 EUR

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