Das Private in unsicheren Zeiten

The Strangers (USA 2008, Bryan Bertino)

Die Ursünde hat vielleicht 1955 Charles Laughton in „The Night of the Hunter“ begangen: Dort trachtet ein Geistlicher nach dem Leben zweier Kinder, die von einem Schatz wissen, den er gern hätte. Eine der erschreckendsten Szenen ist jene, in denen der Mann nachts vor dem Fenster des Kinderzimmers auf und ab geht und allein durch seine Anwesenheit eine Drohung verkörpert, die viel mehr als nur der körperlichen Unversehrtheit der Kinder bedroht: Sie bedroht das Private selbst. Denn in der Neuzeit hat sich die Wohnung als das Refugium des Privaten herausgebildet und in diesem bildet das Kinderzimmer den Kern des Beschützenswerten. Das Kind oder seinen Schutzraum zu bedrohen ist immer schon die Apotheose des Terrors gewesen – im Kino zeigt sich das von „The Night of the Hunter“ bis Hanekes „Funny Games“. Doch was, wenn gar keine Kinder da sind, oder sie, wie in David Moreaus und Xavier Paluds „Ils“ (2006) auf der anderen Seite – unter den Bedrohern – stehen? „The Strangers“ führt die eindrucksvoll und mit hohem Angstpotenzial vor Augen und offenbart zugleich die soziale Metaphorik dieser Bedrohung.

Auch hier ist es ein Familienkern, der der Bedrohung von außen ausgesetzt ist. Dessen Parameter sind in der voll entwickelten Risiko-Postmoderne jedoch verschoben: Das Paar, Kristen (Liv Taylor) und James (Scott Speedman) ist gar keines mehr, denn beim Versuch Kristen einen Heiratsantrag zu machen, hat diese abgelehnt, was für James so etwas wie den Todesstoß der Beziehung bedeutet hat. Die auf diese Weise bereits im Keim erstickte Familie unternimmt dann jedoch trotzdem noch in derselben Nacht einen Ausflug in das Sommerhaus von Kristens Eltern, das irgendwo in der Einöde liegt. Sie kommen spät Nachts an und kurz nach ihrem Eintreffen klopft es an der Tür. Eine junge Frau, offenbar verwirrt, sucht eine Freundin, die Kristen und James nicht kennen. Als James kurze Zeit später fortfährt, um Zigaretten zu holen kehrt die Frau noch einmal zurück. Sie ist nicht mehr allein und wird von zwei anderen begleitet, die nun beginnen Kristen und dann auch den zurückgekehrten James systematisch zu terrorisieren und zu bedrohen. Was die Fremden von den beiden wollen, bleibt unklar; nur, dass es nicht gut enden wird, scheint allen überdeutlich. Und während Kristen und James in Panik versuchen, ihr Haus weiterhin als Schutzraum zu sehen, machen sich die Eindringlinge genau dies zunutze, indem sie dort angreifen, wo das junge Paar am verwundbarsten ist: an diesem Selbstverständnis von Privatheit.

„The Strangers“ wird eröffnet mit Bildern zweier Öffnungen: Das erste zeigt eine durchlöcherte Windschutzscheibe, durch die hindurch zwei Jungs gefilmt werden, die – das wird später klar – am Tag nach dem Überfall zum Tatort kommen. Die Einstellung darauf zeigt die weit geöffnete Wohnungstür des Sommerhauses. In dessen Eingang bleiben die beiden Jungs zunächst stehen, denn sie wissen, dass man einen besonderen, unausgesprochenen Vertrag eingeht, wenn man eine Haustür-Schwelle übertritt. Dieser Vertrag ist ein Gewalt-Abkommen und beinhaltet, sich in die Rolle eines Fremden, eines Gastes einzufinden, sich auf Gedeih und Verderb in die Obhut des Gastgebers und Hausherrn zu begeben und darauf zu hoffen, dass er die Pflicht eines Wirtes kenne. In diesem Fall ist das Haus jedoch von seinen Wirten verwaist – die offen stehende Tür ist ein sicheres und gleichzeitig im Wortsinne „unheimliches“ Zeichen dafür. Wie es dazu kommen konnte, erzählt „The Strangers“ in einer linearen, klaren – ja, allzu klaren – Geschichte. Es steckt mehr dahinter als sich auf den ersten Blick zeigt.

Bezeichnenderweise bricht das Grauen in just dem Moment in das Leben von Kristen und James, als die beiden auf dem Wohnzimmertisch Geschlechtsverkehr ausüben wollen. Es ist nicht nur der intimste Moment eines Paares, sein „tertium non datur“, sondern auch derjenige, der die strukturelle Verflechtung von Privatheit und kulturellem Selbstverständnis am deutlichsten vor Augen führt. Schon in der Renaissance, beim Architekturt-Theoretiker Leon Battista Alberti,  war der Leib der Frau und grundsätzlich „offenes Territorium“ und die Funktion des Hauses deswegen zuvorderst, diesen Leib abzuschließen, ihm eine schützende Hülle zu geben, in die es nur einen „legitimen Eindringling“ geben kann: den Ehemann. James ist aber, wie wir kurz zuvor erfahren haben, nicht der Ehemann von Kristen und wird es auch nie sein. In der Hierarchie der Eindringlinge steht er auf derselben Stufe wie jeder andere Mann in ihrem Leben und der Sex, den beide praktizieren wollen, ist kein selbstverständliches Recht mehr, sondern ein Akt der Besitznahme – eine Territorialisierung. Insofern ist James den Fremden, die in das Haus von Kristens Eltern (diese Tatsache fügt sich ebenfalls in die Bedeutungsstruktur!) eindringen wollen, gleichgestellt. Er hat nichts zu beschützen, für dass er sich mit seinem Leben einsetzen könnte, also ist es nur konsequent, dass er es verliert, ohne damit etwas zu bewirken.

Ein Alternativbild zu dieser Konfiguration bietet der 2006 in Frankreich entstandene Film „Ils“. Hier ist es in der Tat ein Ehepaar, das nachts von Fremden in seinem einsamen Haus am Waldrand attackiert wird. Die Invasoren sind Kinder und vielleicht ist es bezeichnend, dass das angegriffene Paar kinderlos ist und der „Nachwuchs“ hier wie ein Alptraum in das Leben des recht gut situierten Paares eindringt, in dem Kinder eigentlich gar kein Thema sind. In „The Strangers“ müssen die Angreifer keine Kinder sein, weil der Status der Angegriffenen noch unklarer ist, als der des Paares in „Ils“ – und dennoch sind auch einige von ihnen über Masken kindlich konnotiert, erscheinen sie also wie leere Symbole, so wie der Verlobungsring, den Kristen am Finger trägt und nicht abbekommt, ein leeres Symbol ist. Die Tatsache, dass es mit Kristen gerade eine Frau ist, die zum vornehmlichen Angriffspunkt des Fremden wird, bekommt ebenso wie der Hinweis am Schluss, dass die beiden Jungs, die tags darauf auf die Szene stoßen, in christlicher Mission unterwegs sind und Faltblättchen an Sünder verteilen, einen bitteren Zug. Über dieses Motiv, das des christlichen Glaubens, repräsentiert durch die Ehe, die Faltblätter, ja, sogar durch den Vornamen Kristens, schiebt sich ein zweiter Diskurs der Deprivatisierung in den Film: Denn die absolute Zweisamkeit, die Intimität zwischen den Liebenden kann und darf es gar nicht geben. Gott ist immer anwesend (und er selbst ist ja ebenso in einer Dreifaltigkeit situiert). Das Private ist immer ein Scheinprivates, in dem ein heimlicher Beobachter, der alle Sünden registriert, mitgedacht werden muss. Damit ist die Sicherheit des Heimlichen schon per se unheimlich, die Selbstverständlichkeit ein grundsätzliches Missverständnis. Aber so ist es immer in Horrorfilmen: Sie thematisieren das Selbstverständliche, in dem sie es zur Disposition stellen. In „The Strangers“ wird behauptet, dass nichts je sicher ist und dass es nicht einmal Grund für die Unsicherheit geben muss. Auf die Frage der überwältigten Kristen an ihre Peiniger, warum gerade sie zum Opfer werden soll, bekommt sie zur Antwort: „Weil ihr zu Hause wart.“

Das ist der einzige Satz, den die Täter während des Überfalls von sich geben. Der zweite (und letzte) Dialog mit ihnen findet auf der Landstraße statt, auf der sie den beiden Jung-Christen begegnen. Es ist dieselbe Frau, die sie anspricht und um eines der Faltblättchen bittet. Auf die Frage des Jungen, ob sie denn eine Sünderin sei, antwortet sie mit „Manchmal“ und man hat als Zuschauer das ungute Gefühl, dass sie damit nicht solche „Sünden“ meint, wie die, die sie mit ihren Begleitern just zuvor begangen hat. Die Jungen selbst betreten eine Szene später das Haus von James und Kristen und besehen sich das Blutbad ganz emotions- und mitleidslos. Das Christentum erscheint hier – wie in Laughtons „The Night of the Hunter“ – in sein Gegenteil verzerrt (oder entzerrt?): Der sichere Hafen, den es seinen Anhängern verspricht, existiert nur als Sinnspruch, ja, seine vermeintlichen Gläubigen sind es sogar selbst, von denen die Gefahr ausgeht, weil man sich ebenso auf ihr Heilsversprechen verlässt, wie auf das der Unverletztlichkeit der Privatsphäre. In der Öffentlichkeit und auf sich allein gestellt wären Kristen und James geschützter gewesen als zu Hause in ihrer von falschen Symbolen definierten Zweisamkeit. Die atomisierende Sprengkraft des Horrorfilms erfährt in „The Strangers“ so eine ganz neue Sinnvariante.

The Strangers
(USA 2008)
Regie & Buch: Bryan Bertino; Musik: tomandandy; Kamera: Peter Sova; Schnitt: Kevin Greutert
Darsteller: Liv Tyler, Scott Speedman, Glenn Howerton, Gemma Ward, Kip Weeks, Laura Margolis, Alex Fisher, Peter Clayton-Luce
Länge: 85 Minuten
Verleih: Kinowelt

Die Blu-ray-Disc von Kinowelt

Bild: 2,35:1 Auflösung 1080/24p FULL HD
Sprachen/Ton: Deutsch, Englisch (5.1 DTS-HD Master Audio, headphone-surround)
Untertitel: Deutsch
Extras: Interviews; Featurette „The Elements of Terror“; Deleted Scenes; TV-Spots; Fotogalerie; Wendecover; Trailer

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