Kurzrezensionen Januar 2007

Sergej M. Eisenstein: Jenseits der Einstellung. Schriften zur Filmtheorie. Herausgegeben von Felix Lenz und Helmut H. Diederichs. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006.
Margit Frölich, Klaus Gronenborn, Karsten Visarius (Hgg.): Kunst der Schatten. Zur melancholischen Grundstimmung des Kinos. (Arnoldshainder Filmgespräche 23. Marburg: Schüren 2006.
Jan C. L. König: Herstellung des Grauens. Frankfurt am Main u.a.: Peter Lang 2005.
Anne-Katrin Reulecke (Hg.): Fälschungen. Zu Autorschaft und Beweis in Wissenschaften und Künsten. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006.
Roland Barthes: Am Nullpunkt der Literatur/Literatur oder Geschichte/Kritik und Wahrheit. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006.
Mathias Hirsch: Das Haus. Symbol für Leben und Tod, Freiheit und Abhängigkeit. Gießen: Psychosozial-Verlag 2006.
Wolfgang Kemp/Hubertus v. Amelunxen (Hgg.): Theorie der Fotografie. Band I-IV. 1939-1995. Komplett in einem Band. München: Schirmer/Mosel 2006.
Susanne Marschall: Farbe im Kino. Marburg: Schüren 2006.
Melanie Wigbers: Krimi-Orte im Wandel. Gestaltung und Funktionen der Handlungsschauplätze in Kriminalerzählungen von der Romantik bis in die Gegenwart. Würzburg: Königshausen und Neumann 2006.

Er selbst

 „Die Einstellung ist die Einstellung“, konstatierte einst die Filmwissenschaftlerin Gertrut Koch. Diesem Doppelsinn von Einstellung ist auch der Titel des Sammelband aus dem Suhrkamp-Verlag „Jenseits der Einstellung“ verpflichtet, der die Vorträge und Aufsätze des frühen sowjetischen Filmtheoretikers Sergej M. Eistenstein abermals in den filmwissenschaftlichen Diskurs bringt. Herausgeber Diederichs fordert eine Neubewertung dieser frühen Filmtheorien nach dem Ende des Staatssozialismus und liefert mit dem Taschenbuch die Basis dafür. Zwanzig zwischen 1923 und 1948 verfasste Texte zur Filmtheorie, von der Montage über die Musik bis hin zur Frage der Autorschaft, enthält das Buch und wird mit dem Ergebnisteil der Eisenstein-Dissertation des Filmwissenschaftlers Felix Lenz abgerundet. Mit diesem Eisenstein-Sammelband macht der Suhrkamp-Verlag nach der ebenfalls von Diederichs herausgegebenen „Geschichte der Filmtheorie“ weitere Basis- und Frühtexte der Filmwissenschaften wieder verfügbar.

Sergej M. Eisenstein: Jenseits der Einstellung. Schriften zur Filmtheorie. Herausgegeben von Felix Lenz und Helmut H. Diederichs. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006. 455 Seiten (Paperback), 16,00 Euro. Bei Amazon kaufen.

Kunst der Schatten

 Der 23. Band der „Arnoldshainer Filmgespräche“, herausgegeben von Margit Frölich, Klaus Gronenborn und Karsten Visarius im Marburger Schüren-Verlag, beschäftigt sich mit der Melancholie im Film. Seit Albrecht Dürers „Melancholia“ besitzt dieser Gemütszustand eine beinahe feste Ikonografie in der westlichen Kulturgeschichte und so lassen sich auch etliche Filme finden, deren „Grundstimmung“ (als solche macht sie der Band in ihnen aus) die Melancholie ist. Wie üblich bei den Filmgesprächen teilt sich die eine Hälfte der Beiträge in theoretische Erörterungen des Phänomens, die andere in Untersuchungen einzelner Filme. Neben einer einführenden grundsätzlichen Bestimmung des Phänomens in Kultur und Kunst durch Hartmut Böhme, leistet Eva-Maria Klother eine Ikonologie der Melancholie ausgehend von Dürers bereits erwähntem Gemälde. Diskursübergreifend diskutiert Werner Schneider-Quindeau das Phänomen zwischen „Kino und Kriche“, Sabine Flach und Christine Blätter zwischen „Philosophie und Kunst“. Die zweite Abteilung analysiert neben Produktionen des westlichen Kinos, wie Sofia Coppolas „Lost in Translation“ (Margit Frölich), Theo Angelopoulos‘ „Der schwebende Schritt des Storches“ (Reinhard Middel) und natürlich Tarkowskijs äußerst „einschlägigem“ Film „Nosthalgia“ (Josef Schnelle) auch weniger bekannte Produktionen aus Kinonationen des nahen und fernen Ostens, wie Nuri Bilge Ceylans „Uzak“ (Heike Kühn), Jun Ichikawas „Tony Takitani“, Tsai Ming-Liangs „What Time is it There?“ (Karsten Visarius) und einen Found-Footage-Film des deutschen Künstlers Matthias Müller namens „Album“ (Klaus Gronenborn). Dass sich die „Grundstimmung“ Melancholie schon beinahe als Motiv in so verschiedenartigen Produktionen wiederfinden lässt, bestätigt das Forschungsinteresse des Bandes und seiner Beiträger und lässt darüber hinaus Rückschlüsse auf eine Interkulturalisierung nicht nur der Filmsprache, sondern auch eines Affektionsinventars zu.

Margit Frölich, Klaus Gronenborn, Karsten Visarius (Hgg.): Kunst der Schatten. Zur melancholischen Grundstimmung des Kinos. (Arnoldshainder Filmgespräche 23. Marburg: Schüren 2006. 188 Seiten (Paperback), 16,90 Euro. Bei Amazon kaufen.

Hat es gewirkt?

 Aus dem Horrorfilmgenre eine Wirkungsästhetik zu destillieren und diese gleichsam als Werkzeug für die gezielte Produktion von Zuschaueraffekten anzubieten, könnte einer der Wunschträume der Filmproduzenten sein. Allein, es ist schon deshalb kaum möglich, weil das, was als Grusel empfunden wird, historischen „Moden“, kulturellen Differenzen und individuellen Geschmäckern bzw. psychischen Konstitutionen unterworfen ist. Insofern liefert die von Jan C. L. König im Peter-Lang-Verlag veröffentlichte Studie „Herstellung des Grauens“ allenfalls einen facettenhaften Ausschnitt auf die Konstruktionsprinzipien des Horrors. In ihr stellt der Autor zunächst ein Instrumentarium an Wirkungsästhetiken zusammen, das er zu einem nicht geringen Teil aus der aristotelischen Poetik und Freuds Überlegungen zum „Unheimlichen“ herleitet. Daneben listet er Motive und Themen des Horrorgenres (Literatur, bildende Künste, Film) und geht auf einzelne Filmästhetiken gesondert ein. Dies alles wendet König auf die Untersuchung des Films „The Fog – Nebel des Grauens“ (USA 1980, John Carpenter) an und überträgt es auch auf andere Werke der Film-, Musik- und Kulturproduktion. Die Arbeit, die sich großteils wie eine studentische Abschlussarbeit liest (und deren professorale Einleitung sich wie ein Gutachten zu einer solchen ausnimmt), leistet wenig zu einer allgemein verbindlichen „Wirkungsästhetik des Horrors“, weil sie den hierfür notwendig quantitativen Teil unterschlägt (freilich wäre mit einem solchen der Sache auch wenig geholfen) und weil sie ihre Ergenisse zu apodiktisch vorstellt. Als Einzeluntersuchung von Carpenters Film jedoch ist sie überaus gelungen und stellt viele schlüssige Beobachtungen zu diesem an. Nicht zuletzt könnte sie so auch als Einführung in die Filmanalyse dienen, weil sie über ein Glossar, Einstellungsprotokolle und drei als Plakate beigefügte „Schnittlisten“ (meint: Montageübersichten) verfügt. Einer solchen propädeutischen Verwendungsweise dürfte dann allerdings der recht hohe Preis entgegenstehen.

Jan C. L. König: Herstellung des Grauens. Frankfurt am Main u.a.: Peter Lang 2005. 139 Seiten (Paperback), 27,50 Euro. Bei Amazon kaufen.

Fälschungen

 Das Phänomen der Fälschung ist aus einer Medienkultur nicht wegzudenken. Die Fäschung hat in der westlichen Kulurgeschichte vielfältigste Formen angenommen: Vom juristischen Tatbestand über den ironischen Verweis auf den Zweifel am Original bis hin zum Statthalter einer Simulationskultur, in der Zeichen referenzlos dastehen und auf kein „Original“ mehr verweisen. Immer jedoch steht die Fälschung in einem Spannungsverhältnis zu dem, was dieses „Original“ ausmacht. Und insofern liefert auch der von Anne-Katrin Reulecke beim Suhrkamp-Verlag herausgegebene Sammelband „Fälschungen“ etliche Texte, die sich mit diesem Spannungsverhältnis auseinandersetzen. Abgedeckt werden dabei die Themengebiete „Fälschung und Wissen“, „Vorgeschichte der Fälschung“, „Fälschung der Beweise – Beweise der Fälschung“, „Gefälschte Autorschaft“ und „Medien und Materialien der Fälschung“. Vor allem in diesem letzten Teil wird die Frage nach dem Wesen unserer Kultur als einer mit der Fälschung untrennbar verbundenen aufgeworfen. Denn ebenso wie Sampling und Montage fremder Artefakte in eigenen das ausmachen, was die Kunst der Postmoderne bestimmt (Diedrichsen), schwindet auch der Glaube an das Original, wie er laut Benjamin im frühen 20. jarhhunderts noch konsitutiv für die kulturelle Selbstbestimmung gewesen ist und macht einem konstruiert Authentischen Platz, das nur noch nach Original aussieht. (Bolz) Die 19 Aufsätze des Bandes umreißen das Phänomen „Fälschung“ in der Kunst, den Natur- und Kulturwissenschaften, liefern historische Überblicke und Phänomenologien und nähern sich dem Gegenstand dialektisch und ohne aufklärerische Posen.

Anne-Katrin Reulecke (Hg.): Fälschungen. Zu Autorschaft und Beweis in Wissenschaften und Künsten. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006. 425 Seiten (Paperback), 15,00 Euro. Bei Amazon kaufen.

Schreibweisen

 Unermüdlich legt der Suhrkamp-Verlag in seiner SV-Reihe die Taschenbuchausgaben der Werke Roland Barthes wieder auf. Zu den wichtigsten Texten der frühen, strukturalistischen Phase gehört „Am Nullpunkt der Literatur“ (1953), das erst zu Beginn der 1980er Jahre auch in Deutschland verfügbar war und in dem Barthes seine Theorie der „Schreibweisen“ vorstellt und damit den Grundstein für poststrukturalistische Literaturtheorie überhaupt gelegt hat. Dieser Text widmet sich – wie auch der zweite im Band enthaltene Essay „Literatur oder Geschichte“ (1963) zentral der Frage, welche Rolle die Literaturkritik ihrem Gegenstand gegenüber einzunehmen in der Lage ist. In einzelnen Aufsätzen und Interviews der Zeitschrift Tel Qel nähert sich Barthes einer ganz eigenen Sichtweise auf solche Paratexte und nimmt Stellung zum eigenen Werk. Auch „Kritik und Wahrheit“ (1966) befasst sich mit dieser Frage – der „Krise des Kommentars“ -, zeichnet die Eigenheiten der Textsorte von der Antike bis in die Gegenwart nach und benennt die Paradigmenwechsel, die jeweils von historisch und politischen Erscheinungen begleitet wurden: Textkritik hat eine gesellschaftliche Funktion und ändert sich mit gesellschaftlichem Wandel – eine Denkbasis nicht nur für Tel Qel, sondern für die gesamte Literaturwissenschaft nach 1945. Die drei im Suhrkamp-Taschenbuch (übrigens in der Paginierung der früheren Ausgaben) versammelten Essays waren lange Zeit vergriffen und nur zu hohen Preisen antiquarisch erhältlich, was deren Relevanz auch für das heutige Denken über Literatur nachdrücklich belegt. Indem sie jetzt wieder verfügbar sind, macht Suhrkamp nicht nur werksgeschichtlich hochinteressante Texte wieder zugänglich, sondern forciert die von Barthes geprägten Diskurse über Literatur erneut.

Roland Barthes: Am Nullpunkt der Literatur/Literatur oder Geschichte/Kritik und Wahrheit. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006. 231 Seiten (Paperback), 11,00 Euro. Bei Amazon kaufen.

Das Haus

 Bereits Sigmund Freud weist in seiner „Traumdeutung“ auf die symbolische Bedeutung des Hauses für den Menschen und sein Selbstbild hin, doch schon weit vor ihm hat es sich als literarisches und künstlerisches Motiv jenseits seiner Denotation situiert. Vom Merkmal der Zivilsierung der Menschengattung über Bedeutungen für Familiengenealogien („Elternhaus“) bis hin Sinnbildern von Geborgenheit, Mutterleib und Körper reichen seine Verwendungs- und Verständnisarten in der Kunst. Der Psychoanalytiker Mathias Hirsch widmet dem Haus nun eine ganze Monografie, in der er diese Bedeutungsvarianten untersucht. „Ist man erst einmal auf die vielfältige, ubiquitäre Verwendung des Hauses als metaphorisches Bild aufmerksam geworden, begegnet man ihm auf Schritt und Tritt“, konstatiert er und setzt sich und seiner Untersuchung das Ziel, die Haus-Metaphoriken zu strukturieren und zu gruppieren und Interpretationsansätze dazu zu versammeln. Heraus kommt ein hoch interessanter Beitrag über ein allgegewärtiges Motiv in Literatur, Film und anderen Künsten, das – gedankt der vornehmlich psychologischen Herangehensweise des Autors – durch seine Verwendung Rückschlüsse auf den Verwender, seinen historischen und psychologischen Kontext zulässt. Jedoch wird hier keineswegs eine Art „Lexikon der Hausbedeutungen“ aufgestellt, sondern kontextsensibel vorgeschlagen, welche Bedeutungsnuancen Haus-Metaphern annehmen können. Mit viel Humor, Kunst- und Sachkenntnis wird der Leser hier – im teilweise vierfarbig bebilderten Band – für die Mythologie, Soziologie, Kulturgeschichte, Anthropologie und Psychologie des Themas sensibilisiert. Für Filmwissenschaftler ist es nicht nur vom Thema her, sondern auch wegen seiner Auseinandersetzung mit Einzelwerken (von Lynchs „Mulholland Drive“ bis Tarkowskijs „Opfer“) lesenswert.

Mathias Hirsch: Das Haus. Symbol für Leben und Tod, Freiheit und Abhängigkeit. Gießen: Psychosozial-Verlag 2006. 217 Seiten (Paperback), 19,90 Euro. Bei Amazon kaufen.

Komplett in einem Band

 Die vierbändige „Theorie der Fotografie“, herausgegeben von Wolfgang Kemp und Hubetus von Amelunxen, zählt wohl zu den umfassendsten Textsammlungen der deutschsprachigen Medienwissenschaften überhaupt. Insgesamt 139 Autoren aus Naturwissenschaften, Philosophie, Literatur, Kulturtheorie, Kunstkritik und natürlich Fotografie und 175 Texte, publiziert zwischen 1839 und 1995, enthält die etwa 1300-seitige Anthologie und bildet damit den Grundstock einer jeden fotografie-theoretischen Bibliothek. Das bislang nur in vier Einzelbänden erhältlich gewesene, recht teure und längst schon vergriffene Werk wurde durch den Schimer/Mosel-Verlag jetzt noch einmal neu aufgelegt. Alle Einzelbände wurden dazu in einem einzigen Hardcover-Band mit Dünndruckpapier zusammengefasst – zu einem Preis, der die Bezeichnung „Studienausgabe“ wirklich zulässt. Die Originalpaginierung der Einzelbände wurde beibehalten um Stellenbelege in beiden Ausgaben wiederfinden zu können. Die streng chronologische Anordnung der einzelnen Texte zeigt deutlich, dass es seit Beginn des Mediums eine kontinuierliche Diskussion um Wesen, Wirkung und kulturellen Einfluss der Fotografie gegeben hat. Die den vier Abteilungen (ehemals Teilbänden) jeweils vorangestellten Einleitungen der Herausgeber zeichnen die Umrisse dieser Debatten nach und verdeutlichen jenen Einfluss des Mediums auf die kulturelle Sphäre der jeweiligen Epoche. Der Band ist in der Lage, das Fehlen einer zentralen Bibliothek für Fotografie in Deutschlands wenigstens teilweise zu kompensieren.

Wolfgang Kemp/Hubertus v. Amelunxen (Hgg.): Theorie der Fotografie. Band I-IV. 1939-1995. Komplett in einem Band. München: Schirmer/Mosel 2006. 1280 Seiten (Einband), 58,00 Euro. Bei Amazon kaufen.

Unbunt

 Untersuchungen zur Technologie und Ästhetik von Farbsystemen im Film sind rar. Zumeist wird das Thema in allgemeinen Technikgeschichten des Films abgehandelt. Dabei sind sowohl die Verfahren der Farbgebung als auch der Einsatz und Effekt von Farbe hochinteressante medienkulturelle Untersuchungsgegenstände. Ist die immer bessere Farbdarstellung doch neben anderem ein Gradmesser für das Streben des Films nach Authentizität und Realismus und vervollkommnet für den Zuschauer die Möglichkeit, in den Filmraum „einzurdingen“. Die Habilitationsschrift der Mainzer Filmwissenschaftlerin Susanne Marschall, die im Marburger Schüren-Verlag erschienen ist, widemt sich der Filmfarbe als zentralem Phänomen der Filmästhetik. Marschalls Projekt nähert sich dabei aus verschiedenen Richtungen an die „Farbe im Kino“ (so der Titel des Bandes): Zum einen wird Farbe als Motiv im Film untersucht – besonders dort, wo sie (wie etwa bei Kieslowski) diskursiviert wird -, zum zweiten werden die Farbwirkungen diskutiert und schließlich eine Geschichte und Ästhetik der Filmfarben nachgezeichnet und aufgestellt. Marschall orientiert sich streng an Filmbeispielen, untersucht Hitchcocks „Vertigo“ und Bergmans „Schreie und Flüstern“ dabei zentral, liefert aber auch andere markante Beispiele aus der Filmgeschichte, um ihre Analysen zu untermauern. Der Eindruck einer oft mehr phänomenologischen als analytischen Arbeit mit zudem nicht immer klaren Begriffen lässt sich dabei zeitweise kaum vermeiden. In Anbetracht der Tatsache, dass das Phänomen jedoch kaum zentraler Gegenstand akademischer Auseinandersetzung geworden ist, bildet Marschalls Arbeit durchaus einen wichtigen Ausgangspunkt.

Susanne Marschall: Farbe im Kino. Marburg: Schüren 2006. 438 Seiten (Paperback), 29,90 Euro. Bei Amazon kaufen.

Tatorte

 „Verfolgt man die Entwicklung des Krimis von seinen Anfängen im 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart, dann fällt es [..] schwer, Texte zu finden, in denen der Schauplat der Aktion nicht von Bedeutung ist“, schreibt Melanie Wigbers in ihrer Dissertation über „Krimi-Orte im Wandel“, die vor kurzem bem Verlag Königshausen und Neumann erschienen ist. Und in der Tat ist der Ort der Tat weit mehr als nur Handlungschauplatz – die Großstadtkriminal-Erzählungen des Expressionismus oder die Dark Cities des Film noir belegen dies. Orte konstituieren und strukturieren Handlung, bilden zentrale Genre-Merkmale und sind Indikatoren für kulturelle Selbstverständnisse und Kulturkritik. Melanie Wigbers verfolgt die Entwicklung und Wandlung des Tatortes von den Kriminalnovellen des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart, liefert Einzelanalysen, die von E.T.A. Hoffmanns „Fräulein von Scuderi“ über Georges Simenons Paris-Romane bis hin zu neueren Werken von Doris Gercke, Bernhard Schlink und Georg Klein reichen, also auch weit über einzelne Nationalliteraturen hinausgehen. Im Ergebnis liegt mit Wigbers Arbeit so nicht nur bislang noch nicht stattegefundene Motivgeschichte des Ortes im Krimi vor, sondern ebenfalls eine gattungspoetische Analyse desselben, deren Resultate durchaus auch auf andere Medien wie das Fernsehen und den Kinofilm übertragen werden können.

Melanie Wigbers: Krimi-Orte im Wandel. Gestaltung und Funktionen der Handlungsschauplätze in Kriminalerzählungen von der Romantik bis in die Gegenwart. Würzburg: Königshausen und Neumann 2006. 264 Seiten (Paperback), 36,00 Euro. Bei Amazon kaufen.

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