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Kommentare zu: Kampagne http://www.f-lm.de/berlinale-2007-forum-campaign-kazuhiro-soda-japan-2007/ Texte zum Film Thu, 15 Apr 2010 06:37:54 +0000 hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1.4 Von: Hans J. Wulff http://www.f-lm.de/berlinale-2007-forum-campaign-kazuhiro-soda-japan-2007/#comment-5137 Sat, 17 Feb 2007 18:46:00 +0000 http://www.f-lm.de/?p=885#comment-5137 Das Lob für das Forum: man kann sich nicht genug anschließen. Zumal es in diesem Jahr mit dem neuen Film von Frederick Wiseman noch einen zweiten, ganz anders gearteten Beitrag zum Parlamentarismus gab, der nachdenklich stimmt.

Die Darstellung von CAMPAIGN würde ich noch weitertreiben, noch genauer machen. Weil der Film auch eine verdeckte Geschichte erzählt, von einem Mann, der sich in einem Sozialsystem (seiner Partei, aber auch der Stadt, in der er kandidiert) exponiert, daß die Fremdheit, die einen europäischen Betrachter erfaßt, kaum größer sein könnte. Mit einer geradezu jungenhaften Energie hebt's an, auf einer menschenleeren Bahnhofsstation, der Umschnitt vom Wahlredner auf den Raum, in dem man Adressaten vermutet hätte, erweist sich als leer. Da versucht einer mit Macht, sich selbst darzustellen, sich anzupreisen, sich attraktiv und glaubhaft zu machen – und keiner guckt hin. Dabei ist er höflich und schüchtern, manch kleine Szene zeigt den Kandidaten, der "unter" der Rolle als Politkandidat und Macher verborgen wird. Der emotionale Aufwand des Kandidaten scheint irrwitzig zu sein – und es wundert nicht, daß sein Gestus immer mehr zur Maske wird, das Lächeln verliert seine Herzlichkeit, die Augen sind nicht mehr wach. Der Kandidat erstarrt, wird hohl – und nun übernimmt seine Frau, die bislang ganz im Hintergrund gestanden hat, viel größere Zentralität, sie bewahrt eine schüchterne Herzlichkeit, die gegenüber der nur noch Larve erscheinenden Figur des Mannes als das emotionale Zentrum.

Der Film erzählt auch eine "success story" – mit knapper Mehrheit erringt der Kandidat den Posten im Stadt-Parlament. Er schien schon resigniert zu haben, war zu Hause, nicht in der Partei-Zentrale. Er ist erschöpft. Ist er auch glücklich? Den Dank an die Parteigenossen, das Versprechen, daß er sich loyal verhalten wird: All dieses muß ausgesprochen werden, und der Kandidat tut es, als belle er militärische Befehle aus sich heraus. Emotional belegte Äußerungen, in einem Tonfall vorgetragen, der eher auf Kasernenhof denn auf zwischenmenschliche Begegnung hindeutet (das haben wir in vielen anderen japanischen Filmen auch gesehen, einer der Gründe, warum uns das Janpanische so fremd vorkommt): All dieses deutet auf ein Polit- und Sozialsystem hin, das den Wahlkampf als Sozialisationsinstanz nutzt, als Durchgang nicht nur zu den politischen Ämtern, sondern auch zu einer Grenz- oder Erschöpfungserfahrung. Wahlkämpfe als Durchgangsriten? Völlige Erschöpfung als Zugang zum Politikersein? Als Domestifikation einer Motivation, die am Anfang hoch und naiv-ehrlich gemeint war? Als Mittel, den Kandidaten in die Parteidisziplin einzubinden? Die zweite Geschichte des Films – der Wandel des Mannes im Zentrum. Sie erzeugt Irritation – und mehr kann ein Dokumentarfilm nicht leisten. It's funny! Aber es hat auch mit der Realität zu tun.

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