Abendmahl

Wir sind was wir sind (Somos lo que hay, Mexiko 2010, Jorge Michel Grau)

Kaum ein Genre ist so politisch wie der Horrorfilm. In der Beschäftigung mit dem individuellen Bösen werden häufig auch die bösartigen Tumore der Gesellschaft gestreift – und wer ein Monstrum zeigt, definiert immer auch implizit, was es heißt menschlich zu sein. Der Vietnamkrieg spiegelte sich im amerikanischen Genrefilm wider, indem die Bedrohung durch das Böse nicht mehr nur von außen oder von übernatürlichen Wesen hergeleitet wurde, sondern plötzlich Menschen, ja amerikanische Bürger zu kaltblütigen Mördern wurden. Den globalen Siegeszug des Kapitalismus kommentierte George Romero wiederholt mit seinen Zombie-Filmen, in denen die geist- und willenlosen Untoten als Metaphern des Konsumenten dienen. Im mexikanischen Film „Wir sind was wir sind“ sind es nun Kannibalen, die am Beispiel einer Familie zeigen, welche Pathologien und autodestruktiven Mechanismen die mexikanische Gesellschaft unterminieren. Sein sozialkritisches Drama als Horrorfilm auszugeben, ist ein äußerst geschickter Schachzug von Regisseur Jorge Michel Grau – zieht doch ein vermeintlicher Kannibalen-Schocker deutlich mehr Zuschauer an als ein offensichtliches Politdrama. Seine tatsächliche Ausrichtung als Arthouse-Beitrag merkt man „Wir sind was wir sind“ allerdings deutlich an, funktioniert das Werk doch als Drama wesentlich besser denn als (betont zurückhaltender) Horrorfilm.

Als ein Familienvater (Humberto Yáñez) in einem – an Romero erinnernden – edlen Einkaufszentrum zusammen bricht und stirbt, sehen sich seine Frau und die drei gemeinsamen Kinder vor existentielle Probleme gestellt. Bisher hatte der Vater für die Ernährung der Familie gesorgt, die aus religiösen Gründen Menschenfleisch verzehrt. Die Hinterbliebenen benötigen nun nach dem Ableben des Vaters dringend einen neuen Anführer und Versorger, doch weder der sensible Alfredo (Francisco Barreiro) noch sein gewalttätiger, unberechenbarer Bruder Julián (Alan Chávez) scheinen dieser Aufgabe gewachsen zu sein. Die instabile, aber resolute Mutter Patricia (Carmen Beato) und ihre Tochter Sabina (Paulina Gaitán) kommen wohl aufgrund religiöser Traditionen als Frauen nicht in Frage. Bei der Jagd auf Frischfleisch stellen sich Alfredo und Julián äußerst ungeschickt an, sodass nicht nur die Fortführung des anthropophagen Kults in Gefahr gerät, sondern sich auch die Polizei an die Fersen der vier Kannibalen heftet.

Auffällig ist, dass sich die zwei Brüder auf der Suche nach Opfern stets unter marginalisierten Gruppen – vor allem Straßenkindern und Prostituierten – umsehen. Für das Leben solcher Randexistenzen interessieren sich Polizei und Medien nicht – die herrschende Schicht kümmert sich allein um ihr eigenes Wohl und nicht das der Gesamtgesellschaft. Das Volk frisst sich buchstäblich selber auf – wobei sich vor allem die Mutter zu fein ist, das Fleisch „unreiner“ Prostituierter oder von „Schwuchteln“ zu essen. Graus Film zeigt ein Mexiko, in dem es dem verklemmten Alfredo unmöglich erscheint, sich zu seiner Homosexualität zu bekennen, und in dem zahlreiche Frauen finanziell gezwungen sind, sich zu prostituieren. Die Polizei ist amateurhaft und korrupt, dem Verschwinden der Kannibalen-Opfer wenden sich lediglich zwei Beamte zu – und dies ausschließlich, um ihre eigenen Karrieren zu fördern.

Diese Dichte des sozioökonomischen Subtextes macht deutlich, dass es „Wir sind was wir sind“ primär um ein politisches Portrait des zeitgenössischen Mexiko geht. Die Genre-Elemente des Films sind nicht nur zeitlich sehr begrenzt, sondern distanzieren sich auch vom aktuellen Trend zur immer expliziteren und immer weniger kontextuell eingebundenen Darstellung von Gewalt wie sie im Terrorkino des torture porn zu finden ist. Jorge Michel Grau ergötzt sich nicht an der Zerstörung des Körpers, sondern verbirgt große Teile der Gewalt im Offscreen Space oder transportiert den Schrecken eher über die akustische als die visuelle Ebene. Schaut die Kamera doch einmal genauer hin, wird das Bild gezielt unscharf und dunkel gehalten, die Schlachtungen vollziehen sich hinter Plastikplanen und der Verzehr des Menschenfleisches wird zu keinem Zeitpunkt gezeigt, obwohl die Familie im Verlauf der Handlung so große Mengen Nahrung akquiriert, dass sie gar nicht alles davon verbrauchen kann.

Auch stilistisch lässt sich diese Gewichtung des Films zugunsten der Drama-Struktur bestätigen. Grau baut den Plot behutsam auf und unterläuft Stereotypien des Horror-Films. So wohnt die Familie zwar in einem düsteren, vollgekramten Haus, in dem zahllose Uhren die Stille mit ihrem gespenstische Ticken erfüllen – allerdings werden von den Figuren ständig Lampen eingeschaltet, die den Raum erhellen (was im Gegensatz zum Gros der Horrorfilme steht, in denen die Gejagten entgegen aller menschlicher Logik das Licht beständig auslassen, um die filmische Inszenierung des Stoffes nicht zu stören). Mit den originären Horror-Elementen befasst sich Grau nur halbherzig. Die Glaubwürdigkeit des Gezeigten vernachlässigt er gerade in den Spannungsmomenten, wenn Figuren ganze Finger verschlucken, Opfer auf offener Straße abladen oder sie vor der Schlachtung achtlos entkommen lassen.

Der Film findet zwar Raum für die Einbindung einer willkürlich wirkenden vampirischen Szene, verzichtet aber auf jegliche Erklärungen des kannibalistischen Rituals, die zumindest im Rahmen eines Plot-zentrierten Genrebeitrags notwendig gewesen wären. Grau aber lässt die Hintergründe des Kults offen und eröffnet damit einen Freiraum für den Zuschauer. Möglich ist, dass hier die explizite Religionskritik der mexikanischen Filme von Alejandro Jodorowsky subtil fortgesetzt wird – schließlich findet der uns bestialisch erscheinende Kannibalismus bis ins heutige Christentum seine Fortsetzung, wenn jeden Sonntag in sublimierter Form Jesu Christi Leib gegessen und sein Blut getrunken wird. Und so wie dem christlichen Glauben die Gläubigen weglaufen, so scheint im Film nicht nur die Familie, sondern ihre gesamte Religion vom Aussterben bedroht zu sein. „Einer muss überleben“, beschwört die Mutter ihre Kinder – einer muss den Kult fortführen. Wenn man den politischen Beschreibungen des Films glauben darf, scheint das mexikanische Volk diese Aufgabe in  Form der säkularen Religion namens ‚Marktwirtschaft‘ (samt ihrer mitunter dramatischen sozialen Folgen) erfolgreich bewältigt zu haben.

Wir sind was wir sind
(Somos lo que hay, Mexiko 2010)
Regie: Jorge Michel Grau; Drehbuch: Jorge Michel Grau; Kamera: Santiago Sanchez; Schnitt: Rodrigo Ríos; Musik: Enrico Chapela; Darsteller: Francisco Barreiro, Alan Chávez, Paulina Gaitan, Carmen Beato;
Länge: 90 Min.
Verleih: Alamode
Kinostart: 02.06.2011

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