Korrekturbomben

Der Tag, an dem die Erde Feuer fing (The Day the Earth caught Fire, GB 1961, Val Guest)

Am 24. Januar 1961 war über North Carolina ein B-52-Bomber abgestürzt, der Wasserstoffbomben mit der Sprengkraft von 24 Megatonnen geladen hatte, die sich beim Absturz aktiviert hatten. Hätte nicht die letzte Sicherheitsstufe den Zündvorgang abgebrochen, wäre es die stärkste von den USA ausgelöste Kernwaffenexplosion gewesen. Am 30. Oktober des selben Jahres erzeugten die Sowjets auf der Insel Nowajala Semlja die größte jemals von Menschen verursachte Explosion. Die Wasserstoffbombe „Tsar“ mit einer Sprengkraft von 57 Megatonnen TNT-Sprengstoff erzeugte eine derart gewaltige Detonation, dass die seismischen Wellen noch nach ihrer dritten Erdumrundung messbar waren. Im November 1961 startete der britische Film „Der Tag, an dem die Erde Feuer fing“ in den Kinos.

Er erzählt die Geschichte einer von Menschen ausgelösten Katastrophe: Durch die gleichzeitige Zündung zweier Wasserstoffbomben bei einem russischen und einem amerikanischen Test bekommt die Erde einen derartigen „Stoß“, dass sich ihre Achsenneigung um elf Grad verschiebt. Was zunächst wie eine zufällige Häufung von Wetterlaunen wirkt, bekommt schon bald katastrophale Ausmaße: Die Temperaturen steigen, Unwetter brechen über weite Regionen herein, Überflutungen und Dürren brechen aus. Das Wasser wird knappt, Revolten brechen los. Der Zeitungsjournalist Bill verschafft sich mithilfe von Jeannie, einer Angestellten des Wetteramtes, Gewissheit darüber, dass die Welt untergehen wird, wenn nicht etwas passiert. Also entschließen sich die Machthaber vier „Korrekturbomben“ zu zünden, in der Hoffnung, die Erdachse damit wieder in die korrekte Position zu bekommen. Ob der Versuch glückt, lässt der komplett im Rückblick erzählte Film offen.

Angesichts des sich Ende der 1950er-Jahre dramatisch zuspitzenden Rüstungswettlaufs und der politischen Krisen zwischen Ost und West ist es kaum möglich, Val Guests Spielfilm nicht unter einer appellativen Perspektive wahrzunehmen. Nicht nur finden sich politsche Statements in fast jeder Drehbuchzeile, auch das eingefügte Found Footage von Demonstrationen, Naturkatastrophen, Revolten und Massenpaniken lässt den Spielfilm wie eine „Doku-Fiktion“ erscheinen. Seinen appellativen Modus erbt „The Day the Earth caught Fire“ von zeitgenössischen Civil-Defense-Filmen; Titel, Plot und Ausstattung stehen zugleich in bester Tradition des Science-Fiction-Kinos der 1950er-Jahre und rufen Erinnerungen an „Der Tag, an dem die Erde stillstand“ wach, der 1952 ebenfalls als Spielfilme mit politischen Intentionen gestartet war.

Beunruhigend an Guests Film ist heute vor allem die Darstellung der durch Menschenhand verursachten Klimakatastrophe. Wenn dichter Nebel sich mit Hitzeperioden und sintflutartigen Regenfällen über London wälzt, die Menschen beginnen, Schwarzhandel mit Wasser zu treiben und in eine regelrechte „Wasser-Hysterie“ verfallen, dann wird damit ein postapokalyptisches Szenario skizziert, das auch heute wieder aktuell ist und von wissenschaftlichen Studien teilweise exakt so vorhergesagt wird. Zusammen mit Filmen, wie dem ein Jahr später erschienen „Panik im Jahre Null“ und „Ein Riß in der Welt“ von 1965 (letzterer als Warnung vor unterirdischen Atomwaffentests, auf die sich Sowjets und Amerikaner ab 1963 einigten) ist „Der Tag, an dem die Erde Feuer fing“ ein beeindruckend luzides Artefakt und ein deutlicher Markstein der Mentalitätsgeschichte der frühen 1960er-Jahre, die ganz auf „Weltenbrand“ eingestimmt war. Die Medien, zu denen der Film gehört und von denen er erzählt (der Kern des Plots ist in einer Zeitungsredaktion angesiedelt, die die Katastrophe zwischen investigativem und spekulativem Journalismus verarbeitet) sind ein entscheidender Faktor dieser Mentalitätsgeschichte.

Der Tag, an dem die Erde Feuer fing
(The Day the Earth caught Fire, GB 1961)
Regie: Val Guest; Buch: Val Guest & Wolf Mankowitz; Musik: Stanley Black; Kamera: Harry Waxman; Schnitt: Bill Lenny
Darsteller: Janet Munro, Leo McKern, Edward Judd, Michael Goodliffe, Bernard Braden u. a.
Länge: 94 Minuten
Verleih: Ostalgica

Die DVD von Ostalgica

Abermals macht Ostalgica einen Science-Fiction-Film der jüngeren Vergangenheit für deutsche Zuschauer wieder verfügbar, dessen Wiedersehen überaus lohnenswert ist. War die deutschsprachige Fassung von „Der Tag, an dem die Erde feuer fing“ bislang nur noch als VHS-Kassette im Handel, so ist die DVD-Bearbeitung schon deshalb ein Gewinn, weil in ihr Bild und Ton optimal zur Geltung kommen. Neben fünf Trailern und dem Vorspann der deutschen Version enthält die DVD keine weiteren Extras. Allerdings verfügt sie über ein umfangreiches Booklet mit Hintergrundinformationen zum Film und Pressestimmen.

Die Ausstattung:

Bild: 16:9 (Letterbox)
Ton: Deutsch, Englisch (DD 2.0)
Untertitel: keine
Extras: Trailer, Bildergalerie, deutscher Filmvorspann, Wendecover
FSK: ab 6 Jahre
Preis: 9,99 Euro

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