Winnipeg als Wille und Vorstellung

My Winnipeg (Kanada 2007, Guy Maddin)

Die Stadt Winnipeg muss eine wahrlich bedrückende Atmosphäre ausstrahlen. Wenn wir dem (stets äußerst zuverlässigen) Erzähler Guy Maddin glauben, so hat sie mehrfach ihren Titel als ‚traurigste Stadt der Welt‘ verteidigt und beherbergt „zehnmal mehr Schlafwandler als irgendeine andere Stadt“. Ewige Dunkelheit und Kälte lasten schwer auf den Seelen der Einwohner. Kein Wunder also, dass die Hauptfigur des Films – rein zufällig ‚Guy Maddin‘ heißend, genau wie der Regisseur des Films, der auch den Voice-Over-Kommentar einspricht – in einem Zug-Abteil sitzt, um dieser Stadt endlich zu entfliehen. Dieser Stadt, in der Guys dominant-tyrannische Mutter lebt und in der all seine Lieblingsorte zerstört worden sind. Doch Guy entgleitet während der Fahrt in den Schlaf, flüchtet – wie es unter Winnipegern üblich ist – vor der Realität der Stadt in die schönere Welt des Traums. Kindheitserinnerungen bemächtigen sich seiner und übertünchen die oberflächliche Abneigung gegen die Stadt mit Nostalgie. Die affektiven Bindungen an die Heimat, die oftmals einen nicht zu unterschätzenden Teil unserer Identität ausmachen, halten Guy in der Stadt gefangen.Es gibt für ihn nur einen Ausweg: „Ich muss meinen Weg hier raus filmen.“

Guy mietet das ehemalige Haus seiner Eltern an und engagiert Schauspieler, um seine Familie darzustellen. Dieser Versuch des Re-Enactment oder gar der Re-Invention der eigenen Vergangenheit hat etwas Therapeutisches: In einer Art Auto-Psychoanalyse versucht Guy, Vergangenes durch Bewusstmachung zu verarbeiten, „den Schaden ungeschehen machen“ zu können. Er beschwört seine Kindheit herauf: Die wie das Freud’sche Über-Ich alles sehende, in ihren Kindern massive Schuld-Komplexe erzeugende Mutter kommandiert Guy wieder – wie in alten Zeiten – herum. Der längst verstorbene Vater ist in Form einer unter den Teppich gekehrten menschlichen Form anwesend. Und Guys langjähriger Vater-Ersatz – die mittlerweile abgerissene Eishockey-Arena, sein Geburtsort – ersteht im Film wieder auf. Es liegt in der Natur der Psychoanalyse, dass diese Bewusstmachung der eigenen Kindheit allerlei Verborgenes aufdeckt. Unter dem lokalen Fluss liegt ein anderer Fluss begraben, unter dem städtischen Swimmingpool warten noch ein zweiter und ein dritter Pool, und hinter den offiziellen Straßen liegen geheime, schmutzige Pfade – nach Prostituierten benannt und nur den Einheimischen bekannt. Nach und nach offenbaren sich all die Eindrücke, mit denen sich Winnipeg tief in Guys Unterbewusstsein verankert hat. Das Verdrängte kehrt wieder wie die nahezu unsichtbaren, aber doch nie verschwindenden Spuren des Freud’schen Wunderblocks. Oder wie die Fußabdrücke im kaum einmal schmelzenden Schnee der Stadt.

Man kann aus einer Stadt fliehen – aber wenn die Stadt einem im Kopf folgt, muss diese Flucht scheitern. Man kann auch einen Film über eine Stadt machen, in dem man sie mit Hohn und Spott überschüttet – aber wenn man sich zugleich tief mit dieser Stadt verbunden fühlt, sie als einen Teil des Selbst empfindet, dann wird automatisch eine (ambivalente) Liebeserklärung daraus. Die ‚Doku-Fantasie‘ My Winnipeg ist eine Auftragsarbeit der Stadt, eine als Dokumentation geplante Verfilmung der Stadtgeschichte, die am Ende ungefähr so viel mit einem authentischen Bericht gemeinsam hat wie Honolulu mit Winnipeg. Doch wer Guy Maddin engagiert, weiß, dass er keinen Sozialrealismus bekommen wird, sondern ein filmisches Unikat voll absurder Details. So werden auf Skihügeln, unter denen alte Müllhalden verborgen liegen, Kinder von aus dem Schnee herausragenden Stahlresten aufgespießt – auf den Dächern der Stadt leben Obdachlose inmitten der Überbleibsel eines alten Vergnügungsparks – und zum romantischen Dinner trifft man sich auf den Köpfen von toten Pferden, die nach dem Einbruch in die Eisdecke eines Sees dort festgefroren sind.

Letzteres ist dann auch das – im doppelten Sinne – fantastischste Bild des gesamten Films. Maddin stellt den zahlreichen dokumentarischen Standfotos ohne jede Abgrenzung seine verfilmten Fantasien gegenüber, verbindet Bilder des alten Winnipeg mit Einstellungen aus der Gegenwart, zeigt erst realitätsgetreue Repräsentationen der Stadt – um im nächsten Moment sämtliche Tricks der Verfremdung auszupacken, von Animationssequenzen über inner-psychische Projektionen bis hin zu Techniken des Experimentalfilms. Stilistisch ähnelt My Winnipeg vor allem Cowards Bend the Knee (2003) und Maddins Meisterwerk Brand upon the Brain! (2006) – nur dass keiner dieser beiden Filme vorgab, die afilmische Wirklichkeit in irgendeiner Weise widerzuspiegeln. In den Filmen Guy Maddins vermischen sich Realität und Fantasie, fiktive Narration und autobiographischer Hintergrund, sentimentales Melodrama und psychoanalytische Groteske. Vor allem aber vermischt sich darin die Gegenwart mit jener Zeit, in der die Bilder gerade erst laufen lernten. Guy Maddin ist ein Stummfilm-Regisseur des 21. Jahrhunderts – seine Arbeiten sind zugleich Hommage an und Parodie des frühen Films. Offensichtlich ist dabei vor allem das Element der Hommage, wenn er mit körnigem Super8-Material und schwarz-weißen Bildern – in die sich Kratzer, Flecken und Risse eingegraben haben – den Look des frühen Films imitiert. Auch die Zwischentitel, die (mit Vaseline erzeugten) Unschärfen oder die Iris-Schablonen über der Linse verstärken diesen Eindruck des Alters. Inhaltlich erinnern viele seiner Filme an den Deutschen Expressionismus – der hyperrasante Schnitt  wiederum verweist eher auf die russische Film-Avantgarde. Die (stets liebevolle) Parodie erschließt sich vor allem über die surreal-komischen Überzeichnungen von Stummfilm-Klischees (Careful, 1992), digitale Nachbearbeitungseffekte oder wiederholte Einbrüche von Farbe und Ton in die Welt des Stummfilms.

Der Verleih des Berliner Kinos Arsenal macht sich nun – nach der letztjährigen Veröffentlichung von Brand upon the Brain! – bereits zum zweiten Mal um das fast ausschließlich in cinephilen Kreisen bekannte Oeuvre von Guy Maddin verdient. Doch My Winnipeg findet noch ganz andere Wege der Verbreitung: In Bruce McDonalds wunderbarem, auf Spielfilmlänge ausgedehntem Split-Screen-Experiment The Tracey Fragments (2007) tauchen ganz unvermittelt Maddins Bilder vom Abriss der Winnipeger Eishockey-Arena auf, ohne dass diese Szenen umgehend als Fremdkörper in McDonalds Film gekennzeichnet werden.Und für die (immer weniger werdenden) Zuschauer, die brav bis nach Ende des Abspanns sitzen bleiben, hat My Winnipeg noch ein kleines psycho-sexuelles Experiment zu bieten, das sich im Bruchteil einer Sekunde als subliminale Wahrnehmung in das (Unter-)Bewusstsein des Publikums einzunisten versucht.

Martin Gobbin

My Winnipeg
(Kanada 2007)
Regie: Guy Maddin; Buch: Guy Maddin, George Toles; Kamera: Jody Shapiro; Schnitt: John Gurdebeke
Darsteller: Darcy Fehr, Ann Savage, Amy Stewart, Brendan Cade, Wesley Cade u. a.
Länge: 80 Minuten
Verleih: Arsenal
Start: 11.11.2010

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