Enough to base a movie on?

When You’re Strange (USA 2010, Tom DiCillo)

Es gehe ihm nicht darum, am Mythos der Doors weiterzuarbeiten, so Tom DiCillo, vielmehr versuche er mit seiner Dokumentation so nahe wie möglich an die Menschen heran zu kommen, die hinter der Musik und den zahllosen kleinen und großen Skandalen stehen. Mit diesem Anspruch kommt „When You’re Strange“ am ersten Juli hierzulande in die Kinos. Ob ihm dies gelingt, darüber lässt sich bei genauerer Betrachtung diskutieren. Filmisch setzt Jim Morrison 1969 den Mythos des abtrünnigen, ewig auf die Suche gerichteten Randgängers  ins Bild. In seinem Roadmoviefragment „HWY – An American Pastoral“, spielt er einen Anhalter, der möglicherweise seinen Fahrer umgebracht hat und nun mit dessen Mustang einen Highway irgendwo in der Wüste hinauf fährt. DiCillo stimmt den Zuschauer gleich zu Beginn durch einige montierte Szenen aus dem Stück ein und lässt eine Männerstimme im Radio die Nachricht vom Tode des Rockstars Jim Morrison verkünden. Die Szene hat zugegebenermaßen etwas Gespenstisches, und genau hierin wird der Ansatz, den DiCillo verfolgt, selbst fiktional, arbeitet sozusagen an einer Übertragung des Mythos weiter.

Sieben Dokumentationen sind seit 1968 über die Band gedreht worden und dieser achte Filmbetrag über eine der einflussstärksten Rockgruppen der 60er Jahre nähert sich nun dem Fall der Doors aus einer möglichst authentischen Perspektive her an. Dabei fördert er zwar viel bisher wenig bekanntes Bildmaterial aus den Archiven zutage, inhaltlich erzählt „When You’re Strange“ jedoch kaum anderes als seine Vorgänger. Es kommen zudem keine Kenner der Doors zu Wort, Menschen die dabei gewesen wären, oder noch lebende Mitglieder der Gruppe. Der Plot besteht in diesem Sinn auf einer recht puritanischen Geste.

Ganz alleine lässt DiCillo seine Bilder jedoch nicht. Ein Mythos braucht schließlich die Erzählung und so kommentiert Johnny Depp das Geschehen aus dem Off. Man könnte hier zwar ein bisschen den Eindruck gewinnen, DiCillo würde mit der Wahl seines Erzählers auf einen bestimmten Effekt setzen, der viel mit der Verkörperung der Figur des Hunter S. Thomsons in dessen Romanverfilmung „Fear & Loathing in Las Vegas“ zu tun hat. Aber die Kritik, die hinter dieser Annahme hervorlugt, fällt eigentlich kaum ins Gewicht, wenn man sich nach einer ersten Gewöhnungsphase im Kino eingestehen muss, dass Johnny Depp für diese Aufgabe schlicht mit einer passenden Stimme ausgestattet ist. Während dessen entwickelt sich der Film mehr und mehr zu einem Zeitdokument, das neben der Beziehung zwischen Ray Manzarek, John Densmore, Robby Krieger und Jim Morrison auch eine Zeit politischer Wirren und Umbrüche schildert. Das Zeitfenster des Film fasst gerade einmal die Periode zwischen 1966 und 1971, aus der das Filmmaterial stammt, und die überzeichnet war von Krisenereignissen. Der Rest ist Band-Geschichte, die sich viel um die Figur Morrisons herum abspielt, und natürlich geht es um Musik und Poesie. Rausch. Erfolg. Tod.

Tom DiCillo schildert diese Dinge so distanziert wie möglich und lässt an vielen Stellen die Musik sehr stark für sich wirken. Die Stilisierung der Figuren, interessiert Ihn allenfalls in Form gelegentlicher Verschiebungen des Bilderverhältnisses zwischen Morrison und dem Rest der Band. Anders Oliver Stones teilweise sehr kritisch kommentierte Verfilmung „The Doors“ von 1991, in der Val Kilmer die Hauptrolle spielt. Stone nimmt sich genau den Gestus der Heroisierung zum Vorbild und entzieht damit einer für Ihn stets verfehlten Authentizität von vornherein den Boden. DiCillo will die Sache genau von der entgegengesetzten Seite her angehen, möchte so wenig wie möglich kommentieren und deuten, was allerdings auf Kosten einer kritischen Auseinandersetzung geht. Man sollte sich also auch nicht darauf einstellen, dass hier etwas Außergewöhnliches geschieht, was die Fakten angeht.

Das bedeutet nicht, dass „When You’re Strange“ ein misslungener Film wäre. Im Gegenteil: Dieser Puritanismus ist ein Statement. Er zeigt auf nostalgische Weise die Erstarrung eines Musikers und Poeten in einer Ikone Namens Jim Morrison. Und er tut dies auf eine sehr filmische Weise. Damit gehört Tom DiCillos poetischer Nachruf zu den wirklich sehenswerten Beiträgen über die Doors. Es ist fast so, als hätte Mister Morrison hierfür selbst schon die richtigen Worte parat gehabt, als er schrieb:

„The program for this evening is not new
You’ve seen this entertainment through and through
You’ve seen your birth your life and death
you might recall all of the rest
Did you have a good world when you died?
Enough to base a movie on?“ (The Movie, Jim Morrison)

When You’re Strange
(USA 2010)
Regie: Tom DiCillo; Erzähler: Johnny Depp; Archiv: Paul Ferrara; Musik: The Doors
Darsteller: John Densmore, Ray Manzarek, Robby Krieger, Jim Morrison

One Comment

  1. hugo5 sagt:

    Jim Morrison war nicht drogensüchtig und er ist auch nicht an einer Drogenüberdosis gestorben, wie Heinz Gerstenmeyer in seinem Buch „Der mysteriöse Tod von Jim Morrison“ (ISBN: 978-3-8370-6427-8) eindeutig bewiesen hat.

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