»Lasset die Kinder zu mir kommen«

Erlöse uns von dem Bösen (Deliver us from Evil, USA 2006, Amy Berg)

Es hat beinahe 40 Jahre gebraucht, bis der Papst 2008 Worte der Entschuldigung gefunden hat für ungezählte Verbrechen, die katholische Geistliche begangen haben. Es geht nicht um die Massaker der Inquisition oder der Conquista, nicht um das Schweigen angesichts der Völkermorde, die unter den Augen der Kirchen bis ins 20. Jahrhundert hinein verübt wurden, nicht um die Frage nach der Mitschuld der Kirche an der Ausbreitung von HIV in Afrika. Es geht um sexuelle Übergriffe Geistlicher an Kindern. Seit die Kirche im 4. Jahrhundert das Zölibat für Priester eingeführt hat, sind diese Fälle dokumentiert – und seither werden sie sorgsam verschwiegen und in den Archiven der Bistümer und des Vatikans verschlossen.

Amy Bergs Dokumentarfilm „Deliver us from Evil“ leistet hier dreierlei: Er berichtet über einen spektakulären Fall von sexuellem Kindesmissbrauch durch einen kalifornischen Priester, welcher, um der Karriere seiner vorgesetzten Bischöfe und Kardinäle nicht zum Problem zu werden, vertuscht wurde. Der pädophile Geistliche wurde lediglich immer wieder in andere Gemeinden versetzt und konnte seinen Neigungen so über dreißig Jahre lang nachgehen. „Erlöse uns von dem Bösen“ zeigt darüber hinaus mit welchen Mitteln sich der Mann „Zugriff“ verschafft hat – wie er den Glauben der Menschen und seine vermeintlich höhere Stellung ausgenutzt hat, damit Eltern ihm ihre Kinder überlassen. Er lässt die Opfer und ihre Angehörigen zu Wort kommen und präsentiert Vernehmungsprotokolle und ein für den Film erstelltes Interview mit dem mittlerweile aus der Haft entlassenen Mann. Und nicht zuletzt führt der Film vor, auf welche Barrieren man stoßen kann, wenn man diesen Fragen auf den Grund gehen will. Die Regisseurin begleitet zwei der Opfer des nach Irland ausgewiesenen Pädophilen nach Rom, wo sie dem amtierenden Papst Joseph Ratzinger ein Schreiben überreichen wollen, in dem sie das Verhalten der Kirche in dieser Sache anklagen und um Erklärung bitten. Man lässt sie nicht vor und demütigt sie so ein zweites Mal.

Dass die Medien solche Fälle mittlerweile – mit kaum zu übersehender Sensationsgier – aufgreifen und an die Öffentlichkeit bringen, wie sich jüngst im Fall der wahrscheinlich über 5000 missbrauchten Kinder aus irischen Kirchen-Institutionen gezeigt hat, war wohl der maßgebliche Grund für die Kirchenoberen, ihr Schweigen endlich zu brechen. Seither haben sie über eine Milliarde US-Dollar Entschädigung zahlen müssen – sich aber der Frage, in welcher Beziehung das katholische Priesteramt mit dieser Art von Sexualverbrechen steht, immer noch nicht gestellt. Auch hierüber stellt Amy Bergs Film immer wieder Vermutungen an und fordert den Zuschauer auf, sich selbst die nahe liegendste Antwort zu suchen.

Erlöse und von dem Bösen
(Deliver us from Evil, USA 2006)
Regie & Buch: Amy Berg; Musik: Joseph Arthur & Mick Harvey; Kamera: Jacob Kusk & Jens Schlosser; Schnitt: Matthew Cooke
Mit: Jeff Anderson, Joseph Ratzinger, Monsignor Cain, Case Degroot, Jane Degroot, Thomas Doyle u. a.
Länge: 101 Minuten
Verleih: AV Visionen/Eye See Movies

Die DVD von  Eye See Movies

Das Label Eye See Movies bringt den von Lionsgate 2006 gestarteten oscar-nominierten Dokumentarfilm in Deutschland auf DVD heraus. Die sorgfältig edierte und sich jeder reißerischen Aufmachung entziehende Ausgabe verfügt über ein umfangreiches Booklet, das weitere Hintergründe zum Film erläutert. Die DVD enthält zudem gelöschte Szenen.

Bild: 16:9
Ton: Deutsch (Dolby Digital 2.0), Englisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: Deutsch
Extras: 11 deleted scenes mit Audiokommentar von Amy Berg und Matthew Cooke – 23 Min. + Was in der Bibel steht: Lesung und Analyse von Versen von Patrick Wall (Theologe) mit Audiokommentar von Amy Berg und Matthew Cooke
FSK: ab 12 Jahren
Preis: 16,99 Euro

Diese DVD bei Amazon kaufen.

One Comment

  1. Stefan sagt:

    Aktueller denn je, ja! Und auch wenn der Film das ganze Szenario in den USA schildert, so ist dieses bei uns eigentlich keinen Deut anders … Empfehle die Doku immer wieder, wenn jemand das Thema anspricht.

Leave a Reply