David Lynch – Dark Splendor. Raum Bilder Klang. (Brühl [...]
Das Ohr spielt in den Filmen von David Lynch eine durchgängig wichtige Rolle. Für den meisten Diskussionsstoff sorgte sicherlich sein unvermitteltes Erscheinen in Lynchs 1986 veröffentlichtem Film ”Blue Velvet”. Abgetrennt auf dem Rasen liegend, ist es Indiz für ein unbekanntes Verbrechen, ein dunkles Geheimnis, das nicht nur den, der es findet, sondern auch den Betrachter dieser entrückenden Szene in Bann schlägt. Es ist aber auch Medium und Einfallstor für den Blick, denn die Kamera findet den Weg in die Geschichte bekanntlich durch die schwarze Muschel, hinein in eine Welt surrealer Verwerfungen, Angstzuständen und Gewaltphantasien.
Das Ohr spielt auch in “Mullholland Drive” eine Rolle. Als machtvoller Mythos einer aus dem hintergrund kontrollierten Hollywood-Realität, ist es der seltsame Mr. Roque, der sein Gehör durch eine technische Prothese verstärkt. Ebenso in “Twin Peaks – Fire walk with me”, wo der Hörschaden eine witzige Wendung in der Figur des FBI-Chiefs Gordon Cole (gespielt von David Lynch) erfährt. Ob seiner Schwerhörigkeit brüllt dieser nicht nur Ermittlungsergebnisse im Mordfall Laura Palmer öffentlich heraus, er entwickelt aus dieser Deformierung des Hörsinns auch ein Codierverfahren, um Spezial Agent Chester Desmond die Details in einer Sprache mitzuteilen, die nicht mehr gehört, die vielmehr gelesen werden muss: gemeint ist die Frau im roten Kleid, deren artifizielle Tanzdarbietung die Botschaft transportiert, die Desmond dann nachträglich interpretieren muss. Ihre Performance schürt jedoch eine Ahnung darüber, dass Gordon, also Lynch, immer schon mehr weiß, als er mit Worten sagen könnte und darum auf die Darstellung, auf die Kunst verweist, die uns in unaufhörlichem Zweifel darüber lässt, wem oder was wir hier gerade gegenüberstehen.
Im Dorothea-Tanning-Saal des Max Ernst Museums in Brühl fühlte man sich am Morgen des 20. November irgendwie in diese Szene zurück versetzt. Viele Pressevertreter waren gekommen, um den Meister persönlich auf seine gerade eröffnete Gemäldeausstellung ”Dark Splendor” hin zu befragen, die noch bis zum 21. März 2010 dort zu sehen sein wird. Viele waren gekommen, doch der ganz große Rummel blieb letztlich aus. Vielleicht ist Brühl als Schaubühne zu unbedeutend, vielleicht wird der Regisseur Lynch als Maler, als Photograph auch schon im Vorfeld unterschätzt. Vielleicht ist der Filmemacher auch zu groß, um dem Maler bei seiner ersten Ausstellung in Deutschland und damit seiner zweiten Ausstellung auf internationalem Terrain Platz zu machen.
Das letzteres wohl am wahrscheinlichsten ist, wird schon an den sehr bemühten Fragen der Journalisten ersichtlich, die, bis auf einzelne Ausnahmen, nicht den Maler und auch nicht dessen Werk befragen, sondern eben die Kultfigur. In welchem Verhältnis er seine Malerei mit seinem Filmschaffen sehe, ob er beim Malen Musik höre, was die Farbe Schwarz für ihn bedeute? Lynch antwortet höflich, doch er antwortet irgendwie an den Fragen vorbei, bleibt knapp und nichtssagend in seinen Ausführungen, versteht vieles falsch oder gar nicht und plötzlich fällt einem auf, dass dort nicht Lynch sitzt, der Reggisseur sondern Gordon, der schwerhörige FBI-Chief, der das Geheimnis seiner Botschaft nicht heraus posaunt und stattdessen lieber die Bilder sprechen lässt.

I see myself, 2007, Lithographie auf Japanpapier (Foto: Marc Domage), © David Lynch

The Paris Suite, 2007, Lithographie auf Büttenpapier (Foto: Marc Domage), © David Lynch

Box of Bees, 1989-90, Aquarell auf Papier, © David Lynch

Ohne Titel, ohne Datum, Pastell und Kreide auf Papier, © David Lynch

Ohne Titel, ohne Datum, Tusche auf Streichholzheft, © David Lynch

Ohne Titel, ohne Datum, kugelschreiber und Buntstift auf Streichholzheft, © David Lynch

Well... I Can Dream, Can't I?, 2004, Mischtechnik (Foto: Patrick Gries), © David Lynch

Ohne Titel, 2007, Rauminstallation nach einer Zeichnung von D.L. (Foto: Patrik Gries), © David Lynch

Ohne Titel (aus der Serie "Distorted Nudes"), 2004, Digitaldruck, © David Lynch

Ohne Titel (aus der Serie "Distorted Nudes"), 2004, Digitaldruck, © David Lynch

Ohne Titel (aus der Serie "Industrial Motives"), ohne Datum, Fotografie, © David Lynch

Ohne Titel (aus der Serie "Industrial Motives"), ohne Datum, Fotografie, © David Lynch

Woman Thinking #2, 2008, Fotografie, © David Lynch

Emily Scream #1, 2008, Fotografie, © David Lynch

Ohne Titel (Selbstporträt), Ohne Datum, Fotografie, © David Lynch
Die Ausstellung findet im Max Ernst Museum Brühl vom 22.11.2009 – 21.03.2010 statt. Weitere Informationen zu Terminen, Preisen, Ausstellung und Filmforführungen zu “Dark Splendor” finden sie auf der Webseite des Max Ernst Museums.
Werner Spieß, der Kurator der Ausstellung, hat einen Katalog herausgegeben, der die Werkschau in einer sehr schönen Edition zusammenführt. Enthalten sind neben allen Exponaten auch Texte unter anderem von Werner Spieß, Dietmar Dath, Andreas Platthaus und Stefanie Diekmann. Erschienen ist das Buch beim Hatje Cantz Verlag.
David Lynch – Dark Splendor. Raum Bilder Klang
Herausgegeben von Werner Spies
Mit Beiträgen von Dietmar Dath, Stefanie Diekmann, Thomas Gaethgens, Andreas Platthaus, Peter-Klaus Schuster, Werner Spies
Hatje Cantz Verlag: Ostfildern 2009
352 Seiten (Gebunden), 45 Euro





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