Die Hunde beißen die Letzten

Ein Haufen verwegener Hunde (Quel maldetto treno blindato, Italien 1977, Enzo G. Castellari)

Während der von den Helden eroberte und unter Kontrolle gebrachte Zug unaufhaltsam auf den Zielort zurollt, macht sich von diesem ein einsamer Streiter auf, um das Dampfross abzufangen: Der Bahnhof, in den der Zug sicher einrollen soll, wurde nämlich unerwartet von den Schurken überfallen, die die Ankunft der Helden nun mit dem Gewehr im Anschlag erwarten. An Bord des Zuges finden indessen die letzten vereinzelten Gefechte statt, ausgetragen in der Hoffnung, siegreich und vor allem lebend aus der ganzen Sache rauszukommen …

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Was sich wie die Beschreibung eines klassischen Westernshowdowns liest, ist der dramatische Höhepunkt von Enzo Castellaris „Ein Haufen verwegener Hunde”, einem im Zweiten Weltkrieg angesiedelten Kriegs- und Abenteuerfilm, der große Ähnlichkeiten zu Robert Aldrichs Klassiker “Das dreckige Dutzend” aufweist. Filmhistorisch lässt sich anhand dieses Films (wie auch seiner Zeitgenossen) der Übergang vom Kriegsfilm traditioneller, vom klassischen amerikanischen Western inspirierter Ausprägung hin zum modernen, thematisch weniger gebundenen Actionfilm nachvollziehen. Castellari ist wie viele seiner italienischen Regiekollegen vom US-Western und dessen Meistern beeinflusst gewesen. Nicht umsonst haben Filmemacher wie Sergio Leone, Sergio Corbucci oder eben Castellari mit ihren Italowestern anerkannte Klassiker des Genres geschaffen, im Fall des letzteren mit “Keoma – Melodie des Sterbens” 1976 sogar zu einem Zeitpunkt, als selbst der Spätwestern schon längst wieder ein Trend von gestern war. Ideell sind John Ford, Howard Hawks, John Sturges, vor allem aber Sam Peckinpah in beinahe jedem seiner Filme zugegen – eben auch in „Ein Haufen verwegener Hunde”, dessen Verbindung von raubeinigem Heldentum, schwerer Melancholie und Nostalgie (hier denkt man an Peckinpah) und dem realen geschichtlichen Hintergrund seines Filmes, ihn heute sehr anachronistisch erscheinen lassen und ihn überdeutlich in den mittleren bis späten Siebzigerjahren verorten, in denen der Krieg zum letzten Mal ein großes Abenteuer für echte Männer sein durfte. Castellaris Film befindet sich formal in guter Gesellschaft solcher Filme wie „Die Kanonen von Navarone”, dem bereits genannten „Das dreckige Dutzend”, „Gesprengte Ketten” oder auch „Die Wildgänse kommen”, der zeitlich sein engster Verwandter ist. Aber auch inhaltlich lassen sich deutliche Parallelen herausarbeiten.

Der titelgebende Haufen besteht zwar nicht aus zwölf, aber immerhin aus fünf äußerst unterschiedlichen Deserteuren, die von den Alliierten in Frankreich eingefangen worden sind und nun vor ein Kriegsgericht gebracht werden sollen. Der Zuschauer darf sich zwischen dem amerikanischen Helden Sergeant Yeager (Steve-Mc-Queen-Surrogat Bo Svenson), dem schwarzen Hünen Fred (Fred Williamson), dem quirligen Comic Relief Nick (Michel Pergolani) und dem zwielichtigen Tony (Peter Hooten) für einen Helden entscheiden und diesem durch eine rasante Abfolge von Action-Set-Pieces hindurch die Daumen drücken. Nach der gelungenen Flucht schlagen sich die verwegenen Hunde allein durch feindliche Linien, bis sie erst auf einen ebenfalls desertierten Nazi (Raimund Harmstorf) und dann schließlich auf französische Partisanen treffen, die mit Hilfe der US-Armee einen Schlag gegen die Nazis planen. Nach der obligatorischen Invasion eines Nazischlosses (hier fällt spontan „Agenten sterben einsam” ein) wird schließlich der oben beschriebene Showdown eingeläutet, der in einer für Castellari typischen Orgie aus aufwändig choreografierten Schießereien, halsbrecherischen Stunts und Pyroeffekten kulminiert.

„Ein Haufen verwegener Hunde” zeugt in jeder Szene von technischem Geschick und der großen Liebe seines Regisseurs zum klassischen Erzählkino. Dass der Zweite Weltkrieg hier bar jeder kritischen Auseinandersetzung als Hintergrund für ein Actionfeuerwerk ohne Tiefgang herhalten muss, kann man dem Film dabei kaum übel nehmen. Die Zeiten haben sich seitdem geändert: Das Genre des Abenteuerkriegsfilms wurde nur wenige Jahre später vom modernen Actionfilm oder dem in den Achtzigerjahren überpräsenten Antikriegsfilm überrollt. Als Stoff für leichtfüßige Abenteuerfilme hat der Krieg heute längst ebenso ausgedient wie sein Vorläufer, die Pferdeoper.

Ein Haufen verwegener Hunde
(Quel maldetto treno blindato, Italien 1977)
Regie: Enzo G. Castellari, Drehbuch: Sandro Continenza, Sergio Grieco, Franco Marotta, Romano Migliorini, Laura Toscano, Kamera: Giovanni Bergamini, Musik: Francesco De Masi, Schnitt: Gianfranco Amicucci
Darsteller: Bo Svenson (Sgt. Yeager), Fred Williamson (Fred), Peter Hooten (Tony), Michel Pergolani (Nick), Raimund Harmstorff (Adolf), Donal O’Brien (Deutscher Kommandant), Ian Bannen (Col. Buckner)
Länge: 95 Minuten
Verleih: Koch Media

Zur DVD von Koch Media

“Ein Haufen verwegener Hunde” erschien in Deutschland seinerzeit in einer um 20 Minuten erleichterten Fassung und liegt nun zum ersten Mal ungeschnitten vor. Anhand dieser Fassung lässt sich nachvollziehen, dass der Eingriff damals nicht aus Zensurgründen erfolgte, sondern um den Film schneller zu machen: Es wurden vor allem Dialogszenen entfernt. Die bisher fehlenden Szenen sind auf der DVD von Koch Media im italienischen Originalton mit deutschen Untertiteln enthalten, was einen erhellenden Blick auf die Synchrongewohnheiten ermöglicht: Während das Sprachwirrwarr des Krieges im Original durch entsprechende O-Töne umgesetzt wurde (der Amerikaner Bo Svenson muss in einer Szene auf deutsch radebrechen, der Deutsche Raimund Harmstorf wird von einem Nichtmuttersprachler synchronisiert etc.), hat man diese Unterschiede in der deutschen Fassung einfach nivelliert und lässt alle Figuren eine Art “internationales Hochdeutsch” plaudern. Technisch ist Koch Media mit der DVD ein großer Wurf gelungen: Bild- und Tonqualität sind ausgezeichnet. Die Extras nehmen sich dafür etwas dünn aus, aber mit der rund 25-minütigen Doku findet sich doch noch ein kleines Juwel, in dem zahlreiche Beteiligten nach 30 Jahren zu Wort kommen. Die schöne Edition im Pappschuber wird durch ein Booklet mit einem wie immer sehr lesenswerten Beitrag von Christian Kessler abgerundet.

Zur Ausstattung der DVD:

Bild: 1,85:1
Ton: Deutsch, Englisch, Italienisch (Dolby Digital 2.0 Mono)
Extras: Dokumentation, Bildergalerie, Trailer
Länge: 95 Minuten
FSK: Keine Jugendfreigabe
Preis: 16,39 Euro

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