Der Kratzer im Lack

Miami Vice (Miami Vice, USA 2006, Michael Mann)

Regisseur Michael Mann schrieb mit „Miami Vice“ Fernsehgeschichte und schuf eine Serie, die hinter ihren vordergündig auf Hochglanz polierten Bildern immer die Abgründe der gemeinhin als oberflächlich geltenden Achtziger aufdeckte.

/align=leftIn pastellfarbene Designeranzüge gehüllte Drogencops düsen mit getunten Sportwagen durch das Urlaubsparadies Miami, müssen am Ende des Tages aber immer wieder feststellen, dass alles das einen Menschen nicht ausfüllen kann, der Rush des Jobs stets nur ein flüchtiger ist, der einen mit einem Gefühl innerer Leere in die Isolation entlässt. Dies zu zeigen, gelang Mann durch die ungehemmte Stilisierung der Oberflächen: makellose, auf den größtmöglichen Effekt hin inszenierte Bilder, in denen seine Protagonisten zu bloßen Einrichtungsgegenständen verkommen. Auch seine Soundtracks – die synthetischen Scores der Achtziger und der verstärkte Einsatz mainstreamiger Pophits in seinen neueren Filmen – unterstreichen immer die Ahnung, dass die maschinelle Perfektion mit dem Preis der menschlichen Wärme erkauft wird. Seine Filme entlassen einen nie ausgefüllt, da bleibt immer dieses unbestimmbare Gefühl der Leere, das auch seine Protagonisten fühlen. Diesem Thema ist Mann über die Jahrzehnte sehr treu geblieben – auch weil er seinen Stil spätestens seit „Insider“ (1999) einigen Veränderungen unterzogen hat.

Nach „Collateral“ (2003) wendet er sich mit „Miami Vice“ wieder dem Ursprung seines Erfolges und einem absoluten Fernsehmythos zu. Schon nach wenigen Minuten ist aber klar, dass es hier weder ums 80s-Revival geht, noch darum, mithilfe eines erfolgreichen Franchises Geld zu scheffeln. „Miami Vice“ hat den Sprung ins neue Jahrtausend unbeschadet überstanden und stellt einen logischen Fortschritt in Manns Werk dar. Die beiden Cops Sonny Crockett (Colin Farrell) und Ricardo Tubbs (Jamie Foxx) arbeiten als verdeckte Ermittler für das FBI, um einer Bande Drogen dealender Nazis das Handwerk zu legen. Bei deren Lieferanten Yero (John Ortiz) bewerben sie sich als Transporteure und schaffen es schon bald, tief in die Strukturen des weit verzweigten und weltweit operierenden Imperiums des Kolumbianers Jesús Montoya (Luis Tosar) einzusteigen. Doch nicht die kriminellen Machenschaften bringen das Unternehmen in Gefahr, sondern die sich anbahnende Liebesbeziehung zwischen Sonny und Montoyas Gattin Isabella (Gong Li).

Mann bedient sich einer Handlung, die absolut genretypisch ist und mit klassischen Versatzstücken arbeitet. Diese Versatzstücke werden aber geschickt umgedeutet und anders kontextualisiert. Die Affäre zwischen dem Cop und der Verbrecherin ist viel mehr als nur Klischee: In ihr zeigt sich das Streben der Protagonisten, ihrem Leben einen größeren Sinn zu verleihen, das sich darin Ausdruck verschafft. Dass es Mann nie nur um die reine Krimihandlung geht, belegen zahlreiche Irritationsmomente: Da gibt es Ellipsen in der Erzählung, große Handlungssprünge und eine epische Breite, die den verschlungenen Erzählsträngen der Serie Rechnung trägt. Seinen Stil der Achtziger hat Mann um das Stilmittel des gegenwärtigen Jahrzehnts erweitert: die perfekt komponierten Bilder werden durch die Handkamera zerstört, undurchsichtige Schatten schieben sich ins grobkörnig gerasterte Bild, die Kamera schwenkt weg vom opulenten Panorama als könne sie dessen Perfektion nicht ertragen.

Der vorhandene Wille zur überlebensgroßen Stilisierung wird so immer wieder unterlaufen, die beiden Posterboys Farrell und Foxx sind Figuren in einer Welt, die nicht die ihre ist. Die klassische Undercover-Cop-Story wird zur großen Meditation über Identität, Schein und Sein. Genauso oft wie Mann die Erwartungshaltung auf der Inhaltsebene bedient, so häufig enttäuscht er sie auch: Das Ende bietet keinen Heroismus, sondern ist denkbar unspektakulär, fast impressionistisch: Wir sehen Crockett von hinten, wie er niedergeschlagen ins Polizeipräsidium geht, nachdem der kurze Traum vom Glück mit Isabella geplatzt ist. Und der Moment, in dem Tubbs die Hand seiner Geliebten und Partnerin greift, die auf der Intensivstation mit dem Tod ringt, und sie seinen Griff erwidert, endet in einem Freeze Frame. Die große Tragik und das große Glück, sie sind immer fühlbar. Aber die Bilder, sie wollen dem nie ganz gerecht werden. Scheißwelt.

Miami Vice
(Miami Vice, USA 2006)
Regie: Michael Mann, Drehbuch: Michael Mann, Musik: Klaus Badelt, Michael Batson, John Murphy, Organized Noise, Kamera: Dion Bebe, Schnitt: William Goldberg, Paul Rubell
Darsteller: Colin Farrell (Detective James „Sonny“ Crockett), Jamie Foxx (Detective Ricardo Tubbs), Gong Li (Isabella), Luis Tosar (Arcángel de Jesús Montoya), Naomie Harris (Trudy Joplin), John Ortiz (Jose Yero)
Universal Pictures
ca. 140 Minuten

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