Authentizität und Konstruktion

Stephan Harbort: Der Liebespaar-Mörder. Düsseldorf: Droste 2005.

Worauf beruht die anhaltende Faszination für Serienmörder? Sind es die Täter, die sich, allein ihren egomanischen Trieben folgend, außerhalb der gesellschaftlichen und humanistischen Werte stellen? Entwerfen sie auf diese Weise ein Zerrbild, von dem sich das, was wir für “normal” halten, besonders gut abgrenzen lässt? Oder ist es die häufig betonte Intelligenz, der Modus operandi, der es ihnen ermöglicht, unerkannt oft über Jahre hinweg zu morden? Sind sie also jene “perfekten Verbrecher”, wie sie die Kriminalliteratur als Ideal ausweist? Hinter diesen Fragen deutet sich eines bereits an: Es scheint so, dass viel von dem Faszinosum Serienmord mit der Art und Weise, wie die Täter und ihre Taten präsentiert werden, zusammenhängt. Der Düsseldorfer Kriminalist Stephan Harbort skizziert in seinem mittlerweile vierten Buch über das Phänomen Serienmord einen Fall, der sich in den 1950er Jahren in Nordrhein-Westfalen zugetragen hat und weist pointiert auf diese Mechanismen hin.

Harborts Buch ist in zwei Teile gegliedert: Im ersten rekonstruiert er sieben Morde (davon drei Doppelmorde an Liebespaaren) und ordnet die Ermittlungsergebnisse zu einer Fallgeschichte. Zwischen 1953 und 1958 findet eine Reihe mysteriöser und grausamer Morde an Personen statt, die in vermeintlich abgeschiedenen Gegenden mit dem Auto geparkt haben, um ihrer Zweisamkeit nachzugehen. Der Täter lauert diesen Paaren auf, überfällt sie, erschießt den Mann und erschlägt die Frau, lässt die Leichen und die Autos verschwinden. Die Polizei tappt über lange Zeit völlig im Dunkeln. Es gibt weder Zeugen noch genaue Anhaltspunkte, die die Taten erhellen, und selbst die über Zeitungen zur Mithilfe aufgerufene Öffentlichkeit kann nur wenig zur Ergreifung des oder der Täter beitragen. Schließlich gelingt es doch, mit Erwin Reichenstein und Fritz Büning zwei hochgradig Verdächtige zu inhaftieren. Allein: Der kühl kalkulierende Hauptverdächtige Reichenstein streitet alles ab. Der zweite Teil des Bandes schildert die Gerichtsverhandlung, die Ende 1959 stattfand. Indizien, Zeugen und Gutachten sollen die Täter überführen und zu einer Verurteilung führen.

Harbort geht – wie schon in seinem vorangegangenen Buch über den Serienmörder Joachim Georg Kroll – äußerst raffiniert vor und (ver)leitet seinen Leser auf einen scheinbar sicheren Weg, an dessen Ende die Schuld Erwin Reichensteins erwiesen scheint. Fast reißerisch beginnt der Autor mit der Darstellung des ersten Mordes aus der Perspektive eines (hypothetischen) Zeugen und der Schilderung des psychopatischen Motivs dieses “modernen Peter Kürten”. Die minutiöse Rekonstruktion der Morde, die verzweifelten Bemühungen der Ermittler – und nicht zuletzt die Charakterisierung der unschuldigen Opfer führen dazu, dass der Leser nach der ersten Hälfte des Buches nach Sühne der Taten verlangt. Harbort gelingt es, die damalige Hysterie, die durch die zeitgenössische Presse geschürt wurde, in seinem Buch wieder spürbar zu machen. Der zweite Teil seiner Darstellung forciert dies noch: Der in seiner Aufbereitung nicht anders als “packend” zu bezeichnende Gerichtsteil des Buches könnte direkt aus der Feder Billy Wilders (“Zeugin der Anklage”) stammen.

“Der Liebespaar-Mörder” basiert dabei auf einer Methode, die es ermöglicht, aus den nüchternen, erzählerisch inkohärenten und eigentlich unspektakulären Ermittlungs- und Prozess(f)akten einen “Tatsachenroman” zu entwickeln (so das selbst gewählte Genre des Buches). Diese Bezeichnung steht in einer Tradition von Serienmörder-Literatur seit Will Bertholds 1956-57 erschienenem “Tatsachenbericht” über den Fall Bruno Lüdkes, der während der NS-Zeit angeblich mehr als 80 Morde an Frauen begangen haben soll. Im Gegensatz zu Bertholds spekulativer Aufbereitung der “Geheimen Reichssache Bruno Lüdke” geht Harbort jedoch reflektierter und subtiler vor. Durch das Mittel der “Rückblende”, durch die Montage verschiedener Erzähleinheiten entsteht eine Rhythmisierung, die zielbewusst und klimaktisch verfährt. Hinter den minutiös präsentierten Daten des Falls färbt Harbort – die Authentizität stets im Blick – seinen Bericht mit Stilfiguren des Kriminalromans. Sein Leser soll am Ende des ersten Teils über die Ergreifung Reichensteins erleichtert sein und sich im zweiten Teil unter den entsetzten Prozessbeobachtern wiederfinden, denen gegenüber “der Mann mit der steinernen Maske” emotionslos und monoton seine Unschuld behauptet. Am Ende des Prozesses hat Harbort seinen Leser dort, wo er ihn haben will. Dann kommt – im Epilog – der zentrale Aspekt des Buches zum Tragen.

Stephan Harbort ist Kriminalist, und als solcher erzählt er auch die Geschichte des “Liebespaar-Mörders”. Detektionsprozess und Recherche sind in der Art ihrer Tatsachenfindung eng verwandt. Wenn Harbort also am Ende seines Buches Bilanz zieht und sich fragt, ob mit Reichenstein tatsächlich der richtige Serienmörder gefasst wurde, dann stellt er den recherchierten Akten von damals die kriminalistischen Fakten von heute gegenüber: Hier eine Indizienkette, die Reichenstein 40 Jahre hinter Gitter brachte, dort neueste Erkenntnisse der Serienmord-Forschung, die erhebliche Zweifel an seiner Schuld aufwerfen. Der Leser, der sich dem “Fahndungseifer der Bevölkerung” unumwunden angeschlossen hat, sieht sich nun auf einmal mit seinem eigenen Vor-Urteil konfrontiert, das Harbort – wie es die Presse in den 1950er Jahren getan hat (aus dieser liefert das Buch etliche Zitate) – allein durch narrative und stilistische Techniken evoziert hat. Hier wird deutlich vor Augen geführt, was die Faszination von Serienmord-Erzählungen ausmacht: Es ist der Wille zur Narrativität, den Taten einen Zusammenhang zu geben, sie zu einer plausiblen Geschichte zu (re)konstruieren. Dahinter steht die Notwendigkeit, hinter dem irrationalen Verbrechen einen “Sinn” zu finden, sie zurück in das rationale Schema von Ursache und Wirkung einzugemeinden – nur dann wird es im menschlichen Sinne versteh- und im juristischen Sinne verurteilbar. Dass der Weg dahin oft unzulässig abgekürzt wird – durch monokausale Schlüsse, lückenhafte Indizienketten und ein allzu einseitiges Bild vom Täter – darauf weist Harbort am Schluss seines Buches hin.

Mit “Der Liebespaar-Mörder” liegt eine weitere hochinteressante Aufbereitung der Geschichte des Serienmords in Deutschland vor. Wie zuvor verbindet der Autor darin sein Geschick, nüchterne Fakten literarisch aufzubereiten mit einem eindeutig aufklärerischen Auftrag, das Phänomen Serienmord der Öffentlichkeit sachlich zu präsentieren. Vor allem deshalb ist Harborts Buch mehr als “True Crime”; es ist eine Bestandsaufnahme zeitgenössischer Diskurse, eine kriminalistische Abhandlung, eine historische Aufbereitung und nicht zuletzt eine Reflexion über die kulturelle Präsentation einer der mysteriösesten Verbrechensarten.

Stephan Harbort
Der Liebespaar-Mörder. Tatsachenroman.
Düsseldorf: Droste Verlag 2005.
351 Seiten (gebunden)
18,95 Euro

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Stefan Höltgen

(Zuerst erschienen bei Literaturkritik.de)

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