Monografie zum “Kreativen Töten im Splatterfilm” im Teiresias-Verlag erschienen

Spätestens ab dem Moment, als „Montag the Magnificent“ in Herschell Gordon Lewis’ Wizard of Gore (1970) zur Säge greift, um vor den Augen seines überraschten Publikums eine junge Frau zu zersägen, ändert sich etwas im modernen Horrorfilm: Zauberer Montag schwingt nämlich nicht das blitzende Sägeblatt eines Fuchsschwanzes, sondern eine Kettensäge. Die industrielle Zergliederung des menschlichen [...]

Spätestens ab dem Moment, als „Montag the Magnificent“ in Herschell Gordon Lewis’ Wizard of Gore (1970) zur Säge greift, um vor den Augen seines überraschten Publikums eine junge Frau zu zersägen, ändert sich etwas im modernen Horrorfilm: Zauberer Montag schwingt nämlich nicht das blitzende Sägeblatt eines Fuchsschwanzes, sondern eine Kettensäge. Die industrielle Zergliederung des menschlichen Körpers im modernen Horrorfilm setzt mit genau dieser Szene ein. Von hier ab greift ein neues Prinzip auf das Genre über, dass dessen übrige, sich ständig wiederholende Muster mit „frischem Blut“ versorgt: Kreatives Töten.

Untersuchungsgegenstand ist das „kreative Töten“ bislang nur selten geworden. So existieren zwar einige Aufsätze und Buchkapitel, in denen das „creative killing“ bzw. „set pieces“ eine gewisse Rolle spielen, doch – die Begriffe deuten es an – dies bislang auch nur im englischsprachigen Raum. Im Kölner Teiresias-Verlag ist nun die erste deutschsprachige Monografie erschienen, die die Geschichte und Phänomenologie des „kreativen Tötens“ im Horrorfilm – unter besonderer Berücksichtigung des Splatterfilms der 1980er Jahre – erforscht.

Der Autor, Dennis Uhlemann, verfolgt dabei zwei Perspektiven: Zum einen versucht er den modernen Horrorfilm ab 1970 unter der Perspektive kreativer Tötungsarten neu zu organisieren. Den Erfolg neu entstehender Subgenres – insbesondere das Phänomen des Slasherfilms – führt er auf das Konzept zurück. Zum anderen skizziert Uhlemann das sich nach und nach verändernde Körperverständnis, das diese neuen Horrorfilme präsentieren: Der menschliche Körper wird zum Experimentierfeld des mehr und mehr chirurgisch arbeitenden Mordhandwerkers. Eine Neuaspektierung Haushaltsgegenstände unter deren „Gebrauchswert als Mordinstrument“ geht damit einher: Die „harmlose Dingwelt“ verliert damit ein weiteres Mal ihre Unschuld.

Besonders erkenntnisreich ist nach den theoretischen und filmhistorischen Einführungen der detailanalytische Teil der Arbeit. Hier greift der Autor auf eine Hand voll mehr oder weniger „berüchtigter“ Filme zurück, anhand derer er das „kreative Töten“ vergegenwärtigt: J. Lee Thompsons Happy Birthday to me (1981), Lucio Fulcis Lo Squartatore di New York (1981), Joe D’Amatos Anthopophagus 2 , Danny Steinmans Friday the 13th – Part 5 (1985) sowie Scott Spiegels Intruder (1988) werden einzeln analysiert. Dass allein aus dieser Auswahl drei Filme in Deutschland gerichtlich verboten sind, ist Uhlemann nicht nur bewusst; er verschränkt diesen „Tatbestand“ mit seiner Argumentation: Die Kreativität wird nicht selten als Zynismus interpretiert – die Tötung der Opfer mit Gegenständen des Alltags stellt im Bewusstsein der Zensoren einen besonderen Affront dar, weil damit die Täter nicht mehr als debile Psychotiker, sonder im Gegenteil sogar als „kreativ“ dargestellt werden – ein positiv besetztes Attribut, das man nur ungern mit Gewalt und Zerstörung in Verbindung bringen möchte.

Auf den 133 Seiten des Bandes stellt sich der Autor also auch Fragen sozialpolitischer Provenienz, indem er die Produktion und Akzeptanz von Gewaltbildern analysiert. Dass Uhlemann ein Kenner des Genres ist, trotzdem aber den für eine Analyse nötigen Abstand stets wahrt, kommt der Untersuchung sehr entgegen und unterscheidet sie von vielen deutschsprachigen Publikationen zum Thema Horrorfilm, in der die Begeisterung nur allzu oft (und vergeblich!) analytische Schärfe zu ersetzen versucht. Arbeiten zur Gewalt im Horrorfilm müssen gerade deshalb sachlich bleiben, weil der moderne Horrorfilm selbst heute, nach seinem Eingang in den Kanon kulturwissenschaftlicher Untersuchungsgegenstände, noch immer nichts von seinem Image als „wertlose Gewaltverherrlichung“ verloren hat. Dass selbst hinter der detaillierten Gewaltdarstellung, wie sie sich im „kreativen Töten“ offenbart, ein subtiles film- und kulturhistorisches Phänomen moderner Medienproduktionen verbirgt, belegt Uhlemanns Buch nachdrücklich.

Dennis Uhlemann
Kreatives Töten im Splatterfilm der 80er Jahre
Eine filmwissenschaftliche Untersuchung
Köln: Teiresias Verlag 2004
133 Seiten, 28 schwarzweiße Abbildungen (Paperpack)
17,90 Euro

(nur über den Buchhandel oder beim Verlag zu beziehen)

[SH]

One Comment

  1. [...] Natürlich muß man sich einen solchen Abzählreim aus der Abteilung Kreatives Töten nicht unbedingt ansehen; Final Destination 3 ist aber immerhin grundsolides Schreckenshandwerk. Daß das Ganze auch in der zweiten Fortsetzung noch zu funktionieren und zu gruseln scheint, liegt vor allem daran, daß hier eine Grundangst angesprochen wird: schon längst dem Tode geweiht zu sein, ohne es zu wissen, und je mehr man sich wehrt, umso schlimmer wird es. [...]

Leave a Reply

F.LM auf dem Fantasy-Filmfest 2010 F.LM auf dem Fantasy-Filmfest 2010