Things I don’t speak about …

The Village, USA 2004, M. Night Shyamalan

Irgendwo im Jahre „1897“ im Südosten Pennsylvanias: Das kleine Dörfchen Covington am Rande des Waldes ist geprägt durch Frieden und Harmonie. Die Siedler, die sich dort niedergelassen haben, sind Flüchtlinge der Zivilisation: Entflohen dem brutalen Stadtleben haben sie sich eine Existenz frei von Geld, Gewalt und Geheimnissen aufgebaut. Doch nicht nur ihre Art zu leben grenzt sie von der Stadt ab, auch ein Wald. Und in diesem Wald leben Kreaturen, von den Dorfbewohnen als „Those we don’t speak of“ bezeichnet. Beide Gruppen leben in der stillen Übereinkunft, dass die gegenseitigen Territorien nicht betreten, die Grenze nicht verletzt wird. Seit Jahren sind die Kreaturen nun schon nicht mehr im Dorf gewesen und es gibt feste Rituale, sie fernzuhalten, zu besänftigen und den Frieden mit ihnen zu stabilisieren. Dazu zählen Opergaben, Grenzwachen und die Verbannung alles roten, denn Rot ist die „forbidden color“, die die Kreaturen anlockt. Einzig der verrückte Noah wagt sich von den anderen unbemerkt in den Wald und stiehlt dort rote Beeren. Sein Freund Lucius ist von dem Gedanken beseelt, den Wald zu durchqueren, um die längst aufgebrauchten Medikamentenvorräte durch Besorgungen aus der Stadt aufzufrischen. Doch die Dorfältesten sind dagegen. Als er gegen ihren Rat dennoch den Wald betritt, überfallen die Kreaturen kurz darauf das Dorf. In der allgemeinen Notlage kommen sich Lucius und die blinde Ivy näher. Als beide kurz darauf ihre Heiratsabsichten bekannt geben, wendet sich der eifersüchtige Noah gegen Lucius und sticht ihn mit einem Messer nieder. Nun werden neue Medikamente dringender denn je benötigt und Ivy erwirkt bei den Dorfältesten die Passage durch den Wald.

In The Village wird viel geschwiegen. Der Kontrast zwischen dem Schweigen und den Reden offenbart sich in allen Details. Trotzdem die Dorfgemeinschaft sich das „Geheimnisverbot“ auferlegt hat, ist das Zusammenleben doch durch Verschwiegenheit bestimmt. Bezeichnenderweise sind es gerade jene Wesen, „those we don’t speak of“, an denen das Reden und Schweigen der Dorfbewohner aufeinander trifft. Kaum jemand hat sie zu Gesicht bekommen und dennoch ist die Gefahr, die von ihnen ausgeht, überall spür-, sicht- und hörbar: Sie hinterlassen gehäutete Tierkadaver als Warnung im Dorf, sie scheinen als Schatten zwischen den Häusern entlang zu huschen und ständig dringen ihre animalischen Schreie aus dem Wald hervor. Niemand sieht sie wirklich, doch sie sind in den Erzählungen der Alten und in den Zeichen, die sie produzieren, stets anwesend.

Der Grusel, den The Village heraufbeschwört, nährt sich aus den Mythen und Tabus. Die Regeln im Umgang mit den Kreaturen scheinen willkürlich und unsinnig, ihre Herkunft wird genauso wenig hinterfragt, wie ihr Verhältnis zu den Dorfbewohnen. Einzig die Drohung ihres Erscheinens – oder das Erscheinen ihrer Zeichen – fundamentiert die Angst. Und aus dieser heraus entstehen die Tabus, die die Gesellschaft des Dorfes schließlich definiert und aus denen sich ihre Lebensregeln ableiten. Die Kreaturen haben also trotz oder wegen ihrer ständigen Drohung gesellschaftskonstituierenden Charakter.

Doch allein daraus lässt sich noch kein Gruselfilm machen. Die Multiplikation des Reden-Schweigen-Motivs bis in jedes Detail der Erzählung ist es erst, die für die eigenartige Atmosphäre von The Village verantwortlich ist. Die Andeutungen der Ältesten über „Die Stadt“ und über die durch Gewalt und Habgier umgekommenen Verwandten ist es, die als „beredtes Schweigen“ über allem schwebt. Demgegenüber steht die Naivität und der Glaube der jungen Generation, der sich jedoch immer mehr in Zweifel und schließlich in (zwar eine sanfte doch resolute) Auflehnung wandelt. Die beständigen Drohungen vor „those we don’t speak“ of, werden zusehends ignoriert, die Grenzen zum Wald – zunächst in Mutproben, schließlich aus mangelnder Angst vor Konsequenzen – überschritten. In dem Moment schließlich, wo das jugendliche Leben „ernst“ wird, wo jene unsichtbare Grenze der Initiation im Plan der Heirat von Lucius und Ivy überschritten wird, müssen auch die auch die letzten Grenzen des Tabus fallen.

Wer die Filme Shyamalans kennt, weiß, dass das Schweigen nicht nur auf der narrativen Ebene Prinzip der Erzählung ist, sondern sich auch im „Dialog“ zwischen Film und Zuschauer widerspiegelt. The Village verschweigt mehr als er zeigt. Er handelt von jenen Dingen, die das rationale Motiv hinter der Gruselgeschichte darstellen. Indem er seinen Zuschauer durch Rückblenden in Geheimnisse und nicht geahnte Zusammenhänge einweiht, begeht er selbst einen Tabubruch gegenüber das klassische Schweigegelübde des Gruselfilms: Er spricht aus, zeigt, macht klar, rationalisiert. Dass dabei alles auf mehrere ineinander verschachtelte Pointen zusteuert, wird nicht nur klar, wenn man Shyamalans Filmografie kennt, sondern auch, wenn man die Bedeutung und Funktion von Mythen und Tabus betrachtet, mit denen der Film beständig spielt.

In dem Moment, wo der The Village uns sehenden Zuschauern zeigt, was der blinden Waldläuferin Ivy verborgen bleibt, wo wir mit den Kreaturen des Waldes konfrontiert werden, entblättert der Film – wiederum unterstützt durch Rückblenden – die verborgenen Zusammenhänge, öffnet geheime Truhen, Türen und lässt Masken fallen. Doch der „Sinn“, den The Village dem Zuschauer dadurch offenbart, zeigt ihm in dialektischer Manier, dass alles auszusprechen und zu zeigen, alle Geheimnisse zu lüften und Mythen zu entmystifizieren, manchmal unaussprechlichere Schrecken produziert ist als „those we don’t speak of“.

„Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen“: Dieser oft zitierte Wittgenstein-Aphorismus steht nicht nur über dem Dorf, sondern könnte auch als Motto über dem gesamten Film – ja sogar über dieser Kritik stehen.

The Village
(USA 2004)
Regie & Buch: M. Night Shyamalan
Musik: James Newton Howard; Kamera: Roger Deakins; Schnitt: Christopher Tellefsen
Darsteller: Bryce Dallas Howard, Joaquin Phoenix, Adrien Brody, William Hurt, Sigourney Weaver u.a.
ca. 120 Minuten, Verleih: Buena Vista

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