Joachim Kroll

Stephan Harbort. »Ich musste sie kaputt machen«, Düsseldorf: Droste 2004

Der Serienmord ist ein Kulturphänomen – jedoch nicht nur eines, das aus der Kultur hervorgeht, sondern auch eines, dass in sie eingeht: Serienmord und -mörder avancieren zum artifiziellen Reflexionsgegenstand – „Der Mord als schöne Kunst betrachtet“ (Thomas de Quincey, 1827). Allein die zahlreichen Filme und Bücher der vergangenen Jahre zum Thema belegen dies eindrücklich. Neben rein fiktiven oder locker auf kriminalhistorischen Motiven beruhenden Stoffen finden sich aber auch immer mehr Filme und Bücher, die auf authentischen Fällen beruhen und das gleichermaßen viel verheißende und dennoch schillernde Genre des „true crime“ bedienen.

Zu den Autoren, die die Geschichte deutscher Serienmörder aufarbeiten, gehört der Düsseldorfer Publizist und Kriminalist Stephan Harbort. In seinen Büchern „Das Hannibal-Syndrom“ und „Mörderisches Profil“ hat er zusammenfassend und die Erkenntnisse zu Fallgeschichten und Kriminologie referierend über Serienmörder des zwanzigsten Jahrhundert berichtet. Sein Stil ist dabei stets von seinem Denken als Kriminologe geprägt: Fakten- und Detailreichtum dominierten über stilistische Ausschmückung und prosaischen Stil. Das unterstreicht einerseits die Authentizität seines Gegenstandes; andererseits verhilft es seinen Ausführungen zu einem recht dichten Rhythmus. Nun ist sein drittes Buch erschienen, dass sich ausschließlich mit einem Serienmörder beschäftigt: Joachim Kroll (1933-1991).

Dass es sich dabei jedoch um Kroll handelt, erfährt der Leser erst sehr spät, nämlich auf Seite 256 (nicht einmal der Umschlag und das Vorwort geben das „Geheimnis“ preis). Diese Verschwiegenheit hat System: Harbort führt seinen Täter zunächst als typische Kriegsbiografie ein, dessen Kindheit von Arbeit, Zucht und Entbehrung geprägt ist. Im Nachzeichnen von Krolls akribisch recherchierter Biografie gewinnt die Persönlichkeit zunehmend an Kontur und offenbart mehr und mehr die seelische Krankheit, die ihn zu seinen Morden an zumeist Frauen und Mädchen getrieben hat. In einem lässt Harbort dabei keinen Zweifel: Dass die retributiven Strafmethoden, mit denen solche Täter nach dem 2. Weltkrieg zunächst bedacht wurden und die von der Öffentlichkeit und Politik geforderten drakonischen Strafen, keine Lösung sind und sich eher gegen die Symptome als gegen die Krankheit richten. Serienmörder sind seelisch geschundene Kreaturen, die neben einer adäquaten juristischen Ver-/Behandlung auch das Mitleid der Gesellschaft verdienen – so Harbort.

Sein Buch über Kroll ist nach einem wohldurchdachten dramaturgischen Prinzip aufgebaut. Es beginnt mit Krolls letzter Tat, der Entführung und Ermordung eines kleinen Mädchens, was schließlich zu seiner Festnahme führt: Es klingelt an der Tür, vor der zwei Kriminalbeamte stehen und als Kroll öffnet … ist er wieder der 6-jährige Junge in seiner schlesischen Heimatstadt, in der sein Leid begann. Hier eröffnet der Autor eine biografische Klammer, die genau auf den Moment der Verhaftung – 232 Seiten später – zusteuert und deren Konstruktionsprinzip an kinematografische Montage-Techniken erinnert. Mit diesem Stil verdoppelt Harbort nicht nur die Gedankenwelt seines Täters, der an nicht wenigen Stellen betont, seine Morde oft wie „Kino im Kopf“ reflektiert zu haben. Die akribisch in die Erzählung einfließenden Details, die Vernehmungsprotokolle und zeitgenössischen Dokumenten entstammen, bilden auch das „visuelle Prinzip“ des Tatsachenberichtes, der seine Leser genau dort abholt, wo sie auf einen Berichterstatter wie ihn warten: am Kinoausgang.

Denn Harbort weiß genau um die Popularität des „Phänomens Serienmord“ und seine kulturelle Adaption. Er nutzt dieses Wissen, um seinen Lesern auf eingängige Art die „Geschichte des deutschen Serienmörders“ nahezubringen der den populären amerikanischen Tätern in nichts nachsteht. Gekonnt bereichert er das Bewusstsein seiner Leser mit authentischen Fakten, kriminologischen Erkenntnissen aber noch wichtiger seiner Forderung eines verstehenden, therapierenden und resozialisierenden Umgangs mit den Tätern, die er aus seiner Berufspraxis und seinen Recherchen kennt, wie wohl kaum ein anderer. Harbort weiß dabei genau um den Konflikt zwischen der hysterischen Emotionalität der Öffentlichkeit und der Opfer-Angehörigen und dem auf Sachlichkeit und Ausgewogenheit angewiesenen Rechtssystem. Er lässt diese Positionen immer wieder aus dem reichhaltigen Fundus zeitgenössischer Zitate aus Zeitungssaussagen oder Politiker-Statements in seinen Text einfließen, arbeitet aber mit seiner Biografie des Mörders Joachim Kroll gegen solche allzu vereinfachenden „Verurteilungen“ an. Damit sticht Harborts Kroll-Biografie deutlich aus der Masse der übrigen „true crime“-Fiction heraus und erweitert das Genre um die „faktenbasierte ethische Reflexion“ eines Kriminologen.

Stephan Harbort
„Ich musste sie kaputtmachen“
Anatomie eines Jahrhundertmörders
Düsseldorf: Droste Verlag 2004
384 Seiten (Hardcover)
19,95 Euro

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