Im Kino gewesen …

Hanns Zischler: Kafka geht ins Kino, Reinbek: Rowohlt 1999

Die Frage, was wohl zuerst dagewesen ist: das Huhn oder das Ei, stellt sich, auf Literatur und Film bezogen, nicht. Interessanter wird es da schon, wenn man nachzuweisen versucht, dass das Huhn tatsächlich ein Ei gelegt hat. Ist der Film eine vielleicht sogar notwendige stilistische Fortschreibung der Literatur, sozusagen ihr modernistischer Appendix?


Film – das wurde oft nachgewiesen – kann seinen literarischen Ursprung nicht leugnen. Die frühen Filmautoren, wie etwas D. W. Griffith oder Sergej Eisenstein, beriefen sich in ihren filmtheoretischen Schriften oft auf literarische Erzähltechniken. Nur so konnte überhaupt der Begriff „Filmautor“ entstehen: Jemand schrieb das Bild auf‘s Zelluloid (mit der camera-stylo – in tausende Zeilen aufgelöst, zwischen denen die Bedeutung flimmert.)

In den sechziger Jahren versuchte Wolfgang Jahn nachzuweisen, dass von einem der ganz großen Literaten des 20 Jahrhunderts – Franz Kafka – auch der umgekehrte Weg beschritten worden sein könnte. Seine Untersuchungen über Kafkas Roman „Der Verschollene“ enthalten eine detaillierte filmografische Analyse. Mimik und Gestik der Personen, Ortsbeschreibungen und Bewegungen: In ihnen sah Jahn untrügliche Zeichen kinematografischer Vaterschaft. Ein für die Auslegung der frühen kafkaschen Prosa bedeutsamer Begriff war geboren: Der filmische Blick.

Das Konzept schien zu überzeugen und dreißig Jahre später fühlte sich der deutsche Schauspieler Hanns Zischler bei den Dreharbeiten zu einem Fersehfilm über Kafka berufen, den bisher wenig empirischen Thesen nachzugehen. Die Frage „Welche Filme hat Kafka damals gesehen?“, liegt seiner Monografie „Kafka geht ins Kino“ zugrunde, die jetzt in der Taschenbuchfassung im Rowohlt-Verlag erscheint.

Die spärlichen Tagebuchaufzeichnungen zum Thema Kino, die zudem nur in den Jahren 1910 bis 1914 nachzuweisen sind und sich danach mehr und mehr verlieren, dienten Zischler als Grundlage. Er bereiste Europa auf der Suche nach Kopien der angesprochenen Stummfilme dieser Zeit, sichtete das Material und versuchte sich hernach an der heiklen Verbindung von Kafkas Literatur, Kafkas Biografie und Kafkas Filmrezeption.

Dass dies nicht immer ganz unproblematisch war, zeigen die oft sehr vagen Zusammenhäge zwischen den besprochenen Filmen und den Zeitdokumenten. Aber das eigentliche Problem einer solchen Betrachtung, die ihren Zweck wohl in Werksauslegung sehen will, ist eher ein methodisches (und so komme ich wieder auf die Anfangsfrage zurück): Sind die Betrachtungen Jahns und neuerdings Zischlers eine Art post hoc, ergo propter hoc-Irrtum? Der Methodenstreit innerhalb der Kulturwissenschaften hat sich ja nicht gerade zuletzt der Authentizität der Textsorten „Tagebuch“ und „Biografie“ gewidmet: Zischler lässt sich (wie vorher Jahn) dazu verleiten, den „filmischen Blick“ nur auf Kafkas frühe Prosa bis 1914 anwenden zu wollen, weil sich ab diesem Jahr kaum noch Einträge über Kino-Besuche in Tagebüchern und Briefen ausfindig machen lassen.

Ebenso könnte man sich mit gutem Recht die Frage stellen, wo das Besondere der Entdeckungen Zischlers liegt, also, ob nicht zwangsläufig alle Autoren seit Beginn des Kinos von diesem Medium beeinflusst worden sind (so etwa, wie ja auch alle Autoren in ihrem Schreiben von dem beeinflusst sind, was sie vorher gelesen haben). Warum sollte die Kinematografie da eine besondere Rolle spielen. Wäre eine Kafka-Exegese fruchtbarer, wenn sie von dieser Warte aus betrieben würde? Ja, ist der Unterschied zwischen filmischen und literarischem Erzählen – gerade auch im Expressionismus und Surrealismus – überhaupt so gravierend, dass sich eine scharfe narratologische Trennlinie ziehen ließe?

Die Behauptung, dass die Medien Film und Literatur ineinander übergreifen, lässt sich an zwei einfachen Tatsachen veranschaulichen: Wir lesen Bücher ganz so, wie wir Filme sehen, nämlich indem wir der Narration folgen, die uns mit den je verschiedenen Techniken glaubhaft gemacht werden soll: Ein „Film“ läuft daher so oder so vor unserem geistigen Auge ab. Das Zweite Indiz, das zumindest für den cinemorphen Stil Kafkas spricht, ist die außerordentlich gute Verfilmbarkeit seiner Stoffe: Die spärlichen Introspektiven, die begrenzten – ja oft kammerspielartig kleinen – Handlugnsräume und die paranoische Bescheibungssucht der jeweiligen Gregors, Ks., Karls und Forscherhunde bieten eine exzellente Ausganslage für ein Drehbuch. Die Frage, wie nah die Filme (wie jüngst Michael Hanekes geniale „Schloss“-Bearbeitung) an der Literatur liegen, scheint da ebenso fruchtbar und ist – zumindest empirisch – besser fundierbar.

„Kafka geht ins Kino“ wirft also eine vielzahl methodischer Fragen auf, die weit über die Betrachtung der im Titel angekündigten Beziehung hinausgehen. Der Autor vermag diese Probleme keineswegs zu lösen, liefert jedoch einen empirisch gutfundierten Ansatz dazu, denn neben der biografischen Seite bietet „Kafka geht ins Kino“ eine in cineastischer Beziehung außerordentlich lohnenswerte Lektüre. Viele Filmstills, -beschreibungen und –produktionsinformationen längst verschollengeglaubter Stummfilme werden hier wieder zugänglich gemacht.

Hanns Zischler
Kafka geht ins Kino.
Reinbek: Rowohlt-Verlag
48,00 DM (Paperback)

Stefan Höltgen

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