»Ich spiele nicht! Ich bin das!«

Das Jubiläumsjahr des Klaus Kinski

Am 18. Oktober 2001 hätte der (Anti-)Schauspieler Klaus Kinski seinen 75. Geburtstag gefeiert. Sein 10. Todestag schloss sich 6 Wochen später an. Der Starmythos von „Filmdeutschlands einzigem Weltstar“, wie Kinski einmal klassifiziert worden ist, ist in diesen Tagen wieder heraufbeschworen worden. Genie und Wahnsinn sind dabei die dichotomen Elemente, die sich immer wieder heraus kristallisierten und die Faszination des streitbaren Mimen und Rezitators, der stets sein eigenes Image steuerte, ausmachen.

Die mythischen Feierstunden für den Jubilar begannen allerdings schon vor zwei Jahren. Den Startschuss setzte Werner Herzog Ende 1999, als er in seinem kurzweiligen Dokumentarfilm Mein liebster Feind die Einzigartigkeit eines genial-wahnsinnigen Kinskis bestätigte und den Mythos weiter fütterte. Selbstverständlich nicht ohne zu vergessen, am eigenen Mythos zu basteln. Fast zeitgleich brachte die Ein-Mann-Verleih-Firma Carsten Frank, Kinskis Alterswerk und einzige Regiearbeit Paganini aus dem Jahr 1989 in deutschen Kinos zur Uraufführung. Das Portrait des Teufelsgeigers Niccolo Paganini im Autorenkino des Klaus Kinski reproduziert den Starmythos Kinski als Selbstportrait und bekräftigt dabei gleichfalls das bekannte Bild. Im Frühjahr 2001 wurden schließlich unter dem Titel Fieber – Tagebuch eines Aussätzigen verschollene Gedichte von Klaus Kinski aus dem Jahr 1952 veröffentlicht, die von Herausgeber Peter Geyer auf abenteuerliche Weise 1999 aus einem Privatnachlass ersteigert worden waren. Da die Gedichte thematisch und stilistisch konform mit dem Starmythos Kinski waren, wurde ihre Authentizität nicht ernsthaft in Frage gestellt. Es wurde vielmehr höchst erfreut die Möglichkeit genutzt, einen genial-wahnsinnigen Kinski im Literaturfeld nach bewährtem Muster zu platzieren. Den vorläufigen Schlusspunkt der Mythenbeschwörung bildeten die Kinski-Ausstellung Ich bin so wie ich bin im Reiss-Museum Mannheim, die ihren Schwerpunkt auf die Theaterarbeit Kinskis legt und die Ausstellung des Deutschen Filmmuseum Frankfurt Ich, Kinski, für die sich The Estate of Klaus Kinski mitverantwortlich zeigte und für die auch Werner Herzog seine Archivtore geöffnet hat. Beide Ausstellungen werden im Frühjahr 2002 noch in weitern deutschen Städten zu betrachten sein.

Klaus Kinski war das Enfant terrible der Berliner Theaterszene der 50er Jahre und wurde in den 60er Jahren als Rezitator zur Ikone des Aufruhrs und damit zum ersten Popstar Deutschlands. Er war als „Irrer vom Dienst“ in 16 Edgar-Wallace-Filmen der 60er Jahre die Bedrohung im Wohnzimmer des Spießbürgers, bevor er zum „Skrupellosesten unter den Bösewichten“ in der Italo-Western-Welle avancierte. Er war der zum Scheitern verurteilte größenwahnsinnige Titan in den Filmen von Werner Herzog und stieg damit in den 70er Jahren zum Kunstkino-Star auf. Er stilisierte sein Privatleben zum Artefakt durch die halbfiktive Biographie Ich bin so wild nch deinem Erdbeermund und inszenierte sich als skandalösen Boulevard-Star. Anfang der 80er Jahre landete er schließlich sogar in Hollywood, blieb aber letztlich seinem selbsterklärten Arbeitsmotto, nur eine Prostituierte der Filmindustrie zu sein, treu und gab kontinuierlich den gewünschten Maniac in der Trash-Film-Subkultur der 70er und 80er Jahre.

Alle Teilimages der Arbeitspersona Kinski und das Image der Privatperson sind durch das Begriffpaar „Genie und Wahnsinn“ auf ihren kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht. Dieses Bild wird nicht nur in Kinskis gesamter künstlerischen Arbeit, die ca. 40 Jahre dauerte und über 140 Filme, 25 Theaterstücke, dutzende Schallplatten, unzählige Auftritte und mehrere Großtourneen als Rezitator umfasst, stringent durchgehalten. Es wird auch im öffentlichen Bild der Privatperson Kinski gezeichnet, so dass eine gedankliche Austauschbarkeit zwischen den filmischen Figuren und der Privatperson Kinski suggeriert wird. Beim Zuschauer wird dadurch der Eindruck erzeugt, dass die schauspielerische Leistung Kinskis einen besonders hohen Grad an Authentizität aufweist. Dieser Eindruck wird von Kinski durch Statements wie „Ich spiele nicht! Ich bin das!“ weiter verstärkt. Der Star Klaus Kinski weist hierin das Erfolgsmerkmal bekannter Hollywood-Filmstarmythen wie James Dean oder John Wayne auf, das mit dem Satz „Der spielt sich selbst“ auf einen einfachen Punkt zu bringen ist. Kinski gehört zu dem Typus Selbstdarsteller, der vor allem in Hollywood verehrt wurde. In Deutschland zählt er damit zu den Ausnahmeerscheinung, da Zuschauer und Kritik hier traditionell den Typus Rollenschauspieler verehren. Doch der Star Klaus Kinski ist weitaus komplexer als die erwähnten Hollywoodstarmythen. Als Rezitator füllt er in den 60er Jahren ganze Sporthallen und versprüht im direkten Kontakt mit dem Publikum jene besondere Aura, die kennzeichnend war für den Verehrungskult der letzten Theaterweltstars vor dem einsetzenden Siegeszug des Kinos zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Kinskis hypersensible Darstellung der seelischen Empfindungen von Gossendichter François Villon wird durch seine theatralische Zurschaustellung zum emotionalen Geschoss von ähnlichem Kaliber wie die kultisch-verehrten Darstellungen einer Eleonora Duse oder eines Josef Kainz. Der Star Klaus Kinski ist somit ein star-theoretisches Phänomen des 20. Jahrhunderts, da er Kennzeichen von Film- und Theaterstarmythen aufweist.

Die eingangs beschriebenen mythischen Feierstunden zeigen, dass fast zehn Jahre nach Kinskis unstargemäßen Herzschlag-Tod in einer Waldhütte in Lagunitas, Kalifornien, der Zeitpunkt gekommen zu sein scheint, an dem die im Vergleich zu Hollywood an Stararmut leidende neuere deutsche Filmgeschichte den Schauspieler Klaus Kinski als Starmythos akzeptiert. In einer Zeit, in der ein neuer deutscher Filmstarmythos ferner denn je scheint, greift man gern auf den unbequemen Kinski zurück, selbst wenn er hauptsächlich im B-Movie-Bereich tätig war. Das stereotype Bild eines genial-wahnsinnigen Künstlers eignet sich schon seit Vincent van Gogh zum mythischen Verehrungskult. Seine gesellschaftliche Akzeptanz als Starmythos erfährt ein solcher Künstler allerdings erst posthum, wenn die Unberechenbarkeit nicht mehr zur Bedrohung werden kann. Im Falle Kinskis kann man sich eine solche Bedrohung lebhaft vorstellen, denn er hätte die Feststellung seines Status als Starmythos als unglaublich unverschämte Diffamierung eines Journalisten abgetan und diesen Artikel in der Luft zerrissen. Da er aber nicht mehr im Diesseits verweilt, kann er sich nicht mehr dagegen wehren, dass er sich in seinem Jubiläums-Jahr 2001 als einziger männlicher Starmythos des deutschen Nachkriegsfilms etabliert. Er steigt damit auf die Stufe von Romy Schneider, dem bisher einzig anerkannten deutschen Starmythos. Wer das Heldenpaar einmal zusammen auf der Leinwand erleben möchte, dem sei Andreij Zulawskis Nachtblende (F 75) wärmstens empfohlen.

Matthias Reitze

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